Anwohner unter Freilandleitung klagen über Elektrosmog – Schwere Erkrankungen

Anwohner unter Freilandleitung klagen über Elektrosmog – Schwere Erkrankungen

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Stromleitung soll weg: Die Anwohner des Quellenwegs in Lohfelden wollen, dass die großen Hochspannungsleitungen durchs Wohngebiet verschwinden. Unser Bild zeigt von links (vorne) Ramazan Tafoski, Mihane Tafoski, Bürgermeister Michael Reuter, Jürgen Schulz, Kirsten Woda und Gudrun Schulz vor dem Haus Quellenweg 104, das direkt unter einer 380 kV-Leitung steht.

Lohfelden. Leichter Nieselregen geht über dem Quellenweg in Lohfelden nieder. Bei diesem Wetter surren die zwei riesigen Überlandleitungen direkt über den Wohnhäusern besonders laut.

10 Volt am Fensterrahmen: Das Kinderzimmerfenster im Quellenweg 104 steht unter Strom. Das Messgerät zeigt 10 Volt an. Der Strom entwickelt sich aus dem elektrischen Feld der 380 000 Volt starken Hochspannungsleitung, die direkt über das Haus führt.

An den Lärm haben sich die Anwohner längst gewöhnt. Viel schlimmer finden sie, dass die Stromleitungen womöglich ihre Gesundheit bedrohen.

Denn auffällig viele der Menschen, die seit Jahren unter den Masten leben, sind von schweren und lebensbedrohlichen Krankheiten betroffen. Die Anwohner fordern daher, dass die beiden Hochspannungsleitungen abgebaut werden.

Auch die Gemeinde möchte, dass im Zuge des diskutierten Baus der Westtrasse einer neuen 380-kv-Leitung von Wahle nach Mecklar (siehe Hintergrund) die bestehenden Leitungen von den Lohfeldener Wohngebieten an den Ortsrand verlegt werden.

Am Donnerstagabend wird sich das Gemeindeparlament in einer öffentlichen Sitzung mit dem Thema beschäftigen (26. August, 19.30 Uhr, Bürgerhaus Lohfelden). Die gesundheitliche Unbedenklichkeit müsse durch einen unabhängigen Gutachter nachgewiesen werden, so die Position der Gemeinde.

An Muliple Sklerose erkrankt

Kirsten Woda (48) ist an Multipler Sklerose (MS) erkrankt. Seit 30 Jahren wohnt sie im Quellenweg 104. Die 380-Kilovolt-Leitung führt hier in etwa acht Meter Höhe übers Dach. Im ersten Stock ihres Wohnhauses liegt das Kinderzimmer. Wenn Kirsten Woda dort das Fenster am Metallgriff öffnet, spürt sie ein Kribbeln in den Fingern. Kein Wunder, denn das Fenster steht unter Strom.

Wir machen den Test: Ein einfaches Messgerät zeigt am Metallband rund um den Holzfesterrahmen eine Spannung von 10 Volt an. Eine Spannung, die sich durch das starke elektrische Feld von alleine aufbaut. Auch Leuchtstoffröhren glimmen in dem Haus, obwohl sie ausgeschaltet sind, berichtet sie. „Wir bauen jetzt um“, sagt die 48-jährige Mutter, „das Kind kommt nach unten, bei dem Kinderzimmer unter dem Dach habe ich ein schlechtes Gefühl.“

Gesund sein kann das auf keinen Fall, meinen auch die Nachbarn. Sie berichten von einer auffälligen Häufung schwerer Krankheiten in ihrer Straße, die von Hochspannungsleitungen mit 380 000 Volt und 110 000 Volt überspannt wird.

Neben Kirsten Woda sind drei weitere Frauen an MS erkrankt. Eine andere hat Brustkrebs, ihr Mann Nierenkrebs, einer ist chronischer Schmerzpatient. Bauchspeicheldrüsenkrebs, Lungenkrebs, Knochenkrebs, Gehirntumor – so geht die schauerliche Liste in der Nachbarschaft weiter. Für den Baubiologen und Sachverständigen Wolfgang Maes (Neuss) ist das nicht verwunderlich. „Die Frage ist nicht, ob das gefährlich ist, sondern nur, wie groß die Gefahr ist“, sagte er der HNA auf Nachfrage.

Das sagt der Umweltexperte

„Es ist sehr naiv zu glauben, dass starke elektrische und magnetische Felder keine Wirkung auf den Menschen ausüben“, sagt der Baubiologe Wolfgang Maes, der in Neuss ein Sachverständigenbüro betreibt. Im menschlichen Körper gebe es immer eine elektrische Spannung – etwa in den Muskeln und im Gehirn – aber die liege im Mini-Volt-Bereich.

Wenn im beschriebenen Fall ein Holzfenster mit 10 Volt belastet sei, seien es auch alle anderen leitfähigen Dinge in der Umgebung. Und ebenso der Mensch, der zum großen Teil aus (leitfähigem) Wasser besteht. „Was hier von außen einwirkt, ist 1000 Mal stärker als die Spannung der biologischen Abläufe im Körper“, sagt Maes. „Das ist eine Gefahr, nur können wir sie nicht genau beziffern.“ (hog)

Das sagt das Ministerium

Bei den Abständen von Wohngebäuden zu Hochspannungsleitungen sollen nach Auskunft des Umweltministeriums in Hessen folgende Abstände nicht unterschritten werden:

  • 380 kV-Leitung: 40 Meter
  • 220 kV-Leitung: 20 Meter
  • 110 kV-Leitung: 10 Meter.

Die Grenzwerte der 26. Verordnung zum Bundesimmissionsschutzgesetz müssten sowohl bei bestehenden Häusern wie auch bei Neubauten eingehalten werden, teilte Pressesprecherin Andrea Szidat mit.

Zur gesundheitlichen Belastung der Bewohner im Quellenweg in Lohfelden wollte sich die Sprecherin des Umweltministeriums nicht äußern. Das Regierungspräsidium (RP) Kassel sei als Überwachungsbehörde eingeschaltet worden. Das RP prüfe, ob in den Wohnhäusern in Lohfelden die Grenzwerte eingehalten seien. Das Ergebnis liege noch nicht vor. (hog)

Stichwort: Erhöhtes Risiko, krank zu werden

Der Zusammenhang von elektrischen und magnetischen Feldern und Erkrankungen ist wissenschaftlich umstritten. Laut Bundesamt für Strahlenschutz zeigen neuere Studien aber „ein erhöhtes Auftreten von neurodegenerativen Erkrankungen“ bei betroffenen Arbeitnehmern. Bei Personen, die näher als 50 Meter zu einer Hochspannungsleitung (220-380 kV) leben, gebe es ein erhöhtes Risiko für die Alzheimer Krankheit. Infos: www.bfs.de

Hintergrund: Windstrom von der Küste

Die E.on-Tochter Transpower plant eine 380 kv-Leitung von Wahle nach Mecklar, um Windstrom von der Küste ins Landesinnere zu transportieren. Zwei Trassenvarianten sind im Gespräch: die Ost-Trasse würde durch den Werra-Meißner-Kreis führen, die West-Trasse den Landkreis Kassel durchschneiden.

 In vielen Gemeinden gibt es Widerstand gegen die Pläne. Gefordert wird vielerorts, dass die Trasse als Erdleitung im Boden verlegt werden soll. Im Kreis Kassel würde die Stromtrasse durch die Gemarkungen von Niestetal, Kaufungen, Lohfelden, Söhrewald und Fuldabrück führen.

Ortslagen wären in Niestetal und Lohfelden betroffen. Einwände gegen das Projekt können Betroffene noch bis zum 31. August beim Regierungspräsidium in Kassel geltend machen. (hog)

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