Insolventer Unternehmer Charly Fernau: Der Einzelhandel ist tot

Ist ernüchtert: Der Unternehmer Karl „Charly“ Fernau beklagt die Entwicklung des Internet-Handels. Das Bild zeigt ihn im Jahr 2012 vor seinem Charlys Modetreff in Baunatal.

Fuldabrück/Baunatal. Über 40 Mode- und Bastelläden in vier Bundesländern gehörten zu seiner Gesellschaft. Am 1. Mai ging Karl „Charly" Fernau mit seiner Charly's Modetreff GmbH in die Insolvenz.

Wir schließen: So sieht es derzeit in der gesamten Region an den Läden von Karl Fernau aus. Das Bild entstand in Hofgeismar, wo es gleich zwei Modegeschäfte und ein Bastel-, Schreibwaren- und Zeitschriftengeschäft mit etwa zehn Mitarbeitern gibt. Auf dem Foto oben ist Fernau 1954 mit seinem ersten Geschäftswagen, einem Ford 12 M, zu sehen. Fotos: Thiele, privat

Der 86-jähriger Unternehmer aus Ulfen (Stadt Sontra), der in den 70er-Jahren in Baunatal seinen erstes Modegeschäft eröffnete, macht vor allem die Konkurrenz aus dem Internet-Handel für die Misere verantwortlich. Die Umsätze in seinen Geschäften seien aufgrund dieser wachsenden Konkurrenz erschreckend gewesen, sagt er mit Nachdruck. „Manche Kunden kommen und lassen sich bedienen“, berichtet Fernau. „Dann bedanken sie sich und sagen: Ich versuch’s mal im Internet billiger zu bekommen.“ Vor allem in der Modebranche sei dieses Verhalten weit verbreitet. Fernau kommt zu dem Fazit: „Der Einzelhandel ist tot.“  Als zweiten Grund für die finanziellen Probleme der GmbH nennt der Unternehmer, der seit vielen Jahren in Fuldabrück lebt und dort auch seinen Firmensitz hat, die Einführung des gesetzlichen Mindestlohnes. „Das hat uns sehr hart getroffen“, sagt er.

Die Umsätze in den Geschäften hätten die Kosten für die Löhne nicht mehr gedeckt. Immer wieder, so berichtet das nordhessische Urgestein, habe er aus seinem Privatvermögen Geld in die GmbH geschossen. „Ich selbst war der Banker.“

Charly Fernau, so ist hinter vorgehaltener Hand häufiger zu hören, war bei seinen Mitarbeitern nicht unumstritten. Teilweise seien die Anweisungen an das Personal sehr scharf gewesen, heißt es.

Im Gespräch macht sich Fernau jedenfalls Gedanken um die Zukunft der Belegschaft. „Das ist für mich ja auch bitter, nach einer so langen Zeit zu sehen, wie das den Bach runter geht“, sagt der 86-Jährige. „Das tut mir auch für die Mitarbeiter leid.“

Wir schließen: So sieht es derzeit in der gesamten Region an den Läden von Karl Fernau aus. Das Bild entstand in Hofgeismar, wo es gleich zwei Modegeschäfte und ein Bastel-, Schreibwaren- und Zeitschriftengeschäft mit etwa zehn Mitarbeitern gibt. Auf dem Foto oben ist Fernau 1954 mit seinem ersten Geschäftswagen, einem Ford 20 M, zu sehen. Fotos: Thiele, privat

128 Angestellte in zuletzt noch 31 Filialen sind von der Insolvenz betroffen. Abgewickelt wird die Charly’s Modetreff GmbH von der Melsunger Anwaltskanzlei Henningsmeier. Ein Teil der Mitarbeiter halte dem Unternehmen bereits seit über 20 Jahren mit außerordentlichem Engagement die Treue, betont Insolvenzverwalterin Jutta Rüdlin. „Für einzelne Läden gibt es allerdings noch eine Hoffnung.“ Hier befinde sich die Insolvenzverwalterin derzeit in Gesprächen mit potenziellen neuen Betreibern. Und: Viele seiner Mitarbeiter hätten schon eine neue Stelle, ergänzt Fernau.  In den Anfängen seiner geschäftlichen Aktivitäten fuhr Charly Fernau mit dem Rad durchs Land. Hinten drauf hatte er einen Pappkoffer mit Bekleidung. Diese stellter er den Leuten direkt an der Haustür vor. Wer bestellte, bekam die Ware später per Post geliefert. 1954 stieg er aufs erste Auto um - ein Ford 12 M.

Neue Ideen

Im Lauf der Jahre entwickelte der Fuldabrücker weitere Geschäftsideen. In seinen Floh-Läden verkauft er beispielsweise Deko-, Bastel- und Geschenkartikel. Fernau war immer bestrebt, die Sortimente in den Geschäften noch zu erweitern.

Der 86-Jährige wird sich trotz dieses herben Rückschlages nicht ganz aus der Geschäftswelt zurückziehen. Seine Firma „Vermietung und Verpachtung“ laufe weiter, betont er. „Da ändert sich auch nichts dran. So blieben selbstverständlich der jüngst angesiedelte Golfhandel „Golf House“ sowie der Tennisshop Nordhessen in den Räumen in Bergshausen am Ostring.

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