Verursacher wieder in Tschechien – Strafverfahren ist trotzdem möglich

Nach tödlichem A7-Unfall bei Guxhagen: Todesfahrer kann belangt werden

Bild des Schreckens auf der A 7: Mit seinem Lastwagen prallte der 50-jährige Tscheche am Stauende auf das Wohnmobil. Dabei starben drei Menschen. Archivfoto:  Wenderoth

Fuldabrück/Guxhagen. Der 50-jährige Lkw-Fahrer aus Tschechien, der vor einem Monat den schweren Unfall auf der A7 mit drei Toten verursacht hat, befindet sich nach HNA-Informationen wieder in seiner Heimat.

Der Mann, der bei dem Horror-Crash selbst schwer verletzt wurde, hat demnach die Klinik in Kassel inzwischen verlassen. Doch kann der Tscheche nach der Rückkehr in seine Heimat nun überhaupt noch juristisch belangt werden? Die Staatsanwaltschaft Kassel ermittelt wegen fahrlässiger Tötung in drei Fällen. Bei einer Verurteilung muss der Lkw-Fahrer mit einer mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder einer Geldstrafe rechnen. Bei der Staatsanwaltschaft ist man optimistisch, dass sich er sich der Fahrer einem Gerichtsverfahren in Kassel stellen wird. „Ich gehe davon aus, dass er kommen wird“, sagte Behördensprecherin Kerstin Nedwed auf Anfrage. Nach Auskunft der Staatsanwältin gibt es in dem Fall mehrere mögliche Szenarien.

Szenario 1: Der Angeklagte erscheint 

Im Idealfall erscheint der Lkw-Fahrer zum anberaumten Gerichtstermin in Kassel, nachdem er an seinem Wohnort in Tschechien eine Ladung zu dem Verfahren erhalten hat. Würde er zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, die nicht zur Bewährung ausgesetzt wird, könnte er diese in Deutschland oder in Tschechien verbüßen.

Szenario 2: Verfahren in Abwesenheit 

Auch wenn der Angeklagte nicht zum Gerichtsverfahren in Kassel erscheinen würde, könnte dieses dennoch stattfinden. „Die Verhandlung kann auch in Abwesenheit des Angeklagten geführt werden“, so die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Im Fall einer Verurteilung, das sehen die innerhalb der Europäischen Union geltenden Regeln vor, könne die Strafe dann auch in Tschechien vollstreckt werden.

Szenario 3: Verfahren in Tschechien 

Das Strafverfahren gegen den Lastwagenfahrer könnte auch in Tschechien geführt werden, erklärte Behördensprecherin Nedwed. Dafür müssten die deutschen Behörden ein sogenanntes Strafverfolgungsübernahme-Ersuchen an die tschechische Seite richten. Das Verfahren gilt unter den Ermittlern allerdings als langwierig und kompliziert.

Szenario 4: Angeklagter taucht unter 

Sollte der Todesfahrer untertauchen, könnte ein Europäischer Haftbefehl gegen ihn erwirkt werden. Er müsste dann beispielsweise damit rechnen, in Deutschland bei einer Fahrzeugkontrolle auf der Autobahn oder an der Grenze festgenommen zu werden.

Bei dem Unfall auf der A 7 in Höhe von Dörnhagen war eine dreiköpfige Familie - Vater, Mutter und ein elfjähriges Mädchen - aus der Nähe von Oldenburg ums Leben gekommen. Sie starben in ihrem Wohnmobil, das von dem Lastwagen des Tschechen zerquetscht wurde.

Die zweite Tochter der Familie, die früher aus dem Urlaub nach Hause gefahren war, wurde durch den Unfall zur Vollwaise.

Hintergrund: Untersuchungshaft wäre möglich gewesen 

Der schwerverletzte Lkw-Fahrer war nach dem Unfall zunächst nicht vernehmungsfähig. Erst nach gut einer Woche konnten Polizeibeamte in einem Kasseler Krankenhaus mit ihm sprechen. Bei der Vernehmung gab der 50-Jährige nach Auskunft von Polizeisprecher Torsten Werner an, sich an nichts erinnern zu können. Theoretisch hätte der Lkw-Fahrer auch in Untersuchungshaft genommen werden können. „Da er keinen Wohnsitz in Deutschland hat, wäre der Haftgrund Fluchtgefahr gegeben“, sagte Kerstin Nedwed, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Kassel. Die Dauer der U-Haft hätte allerdings zum Problem werden können. Nach sechs Monaten muss sie überprüft werden. Ob bis dahin ein Strafverfahren stattgefunden hätte, ist allerdings nicht klar. Auch die Tatsache, dass - trotz der schwerwiegenden Folgen mit drei Toten - lediglich eine Verurteilung wegen Fahrlässigkeit zu erwarten ist, sprach offenbar gegen die Untersuchungshaft.

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