Blick ins Geschichtsbuch: Blindgänger und Granaten in Ihringshausen

Blick vom Lohberg nach Westen: Das Foto von August Lamm aus dem Jahr 1953 zeigt Ihringshausen und dahinter die Felder, die oben durch einen schmalen Waldstreifen abgeschlossen werden. Heute befindet sich dort das Areal der Bundespolizei, in dem Wald war die Heeresmunitionsanstalt 44/2 versteckt. Unmittelbar nach dem Luftangriff am 3. Oktober 1943 explodierte dort ein Munitionsbunker. Kampfmittel wie Flakgranaten wurden Hunderte Meter auf die bereits mit Bombentrichtern übersäten Felder verteilt. Auch spätere Sprengungen von Munition trugen zur weiteren Kontamination des Geländes mit Kampfmitteln bei. Foto: A. Lamm /nh

Fuldatal. Als am Abend des 3. Oktober 1943 die Bomben auf Ihringshausen niederprasselten, saß Werner Windeknecht, gerade mal fünf Jahre alt, im Bunker.

Damals ahnte er nicht, wie stark dieser Angriff seine Kindheit prägen würde.

Schwer getroffen wurde dabei nicht nur Ihringshausen selbst, sondern auch die Heeresmunitionsanstalt 44/2 auf dem Hügel in Richtung Vellmar – dort, wo heute die Bundespolizei ihren Sitz hat. Infolge von mehreren Explosionen wurden damals Unmengen von Kampfmitteln viele Hundert Meter weit im Gelände verteilt – eine Altlast, die bis heute ein großes Problem darstellt (HNA berichtete).

„Uns Kindern war diese Gefahr gar nicht bewusst. Das ganze Areal war für uns eher ein Abenteuerspielplatz“, erinnert sich Windeknecht heute. Die Altlast sei überall im Boden zu finden gewesen – „sie war einfach ein Teil unseres Alltags. Nicht wenige verdienten ihr Geld damit, nicht wenige sprangen dabei aber auch über die Klinge“.

Erinnerungen, die immer bleiben: Werner Windeknecht mit seiner Frau Christa. „Da stehen ja einem die Haare zu Berge“, sagt sie, als sie den Erzählungen ihres Mannes zuhört. Foto: Naumann

Noch gut kann sich der heute 78-Jährige daran erinnern, wie Männer und Frauen aus Ihringshausen nach den Explosionen rauf auf die Felder gelaufen sind, um dort die gefährliche Fracht – meist waren es Flakgranaten – einzusammeln. „Die Leute versteckten sich in den Bombentrichtern, die überall auf den Feldern verteilt waren, und öffneten dort die gefundenen Granaten – mit Hammer und Meißel.“ Die Wertstoffe, vor allem Messing und Blei, verkauften sie dann auf dem Schwarzmarkt – auch der damalige örtliche Schrotthändler Göbel verdiente mit. „Der wurde schnell der reichste Mann Ihringshausens“, sagt Windeknecht.

Das Schießpulver sei oft einfach liegen gelassen worden, weil es dafür kein Geld gab. „Für uns Jungs war das natürlich ein gefundenes Fressen“, erinnert sich Windeknecht. In großen Mengen hätten er und seine Freunde das Sprengpulver eingesammelt und daraus Böller und Schwärmer gebastelt. „Über viele Jahre hatten wir in Ihringshausen an Silvester das schönste Feuerwerk.“ Einmal hätten sie einen voll munitionierten MG-Gürtel gefunden. „Nahe des Rohrbachs haben wir das Ding einfach ins Feuer geworfen – nur um zu gucken, was passiert“.

„Die Leute versteckten sich in den Bomben-trichtern, die überall auf den Feldern verteilt waren, und öffneten dort die gefundenen Granaten – mit Hammer und Meißel.“

Werner Windeknecht Zeitzeuge

Jeder Gang auf die Felder habe stets den süßen Beigeschmack des Verbotenen gehabt. Denn natürlich sei alles untersagt gewesen, was irgendwie mit der gefährlichen Munition zu tun hatte, „schon gar nicht durften wir in den großen Sprengtrichter oben im Wald, dort, wo am 3. Oktober 1943 ein Munitionsbunker komplett explodiert war“, sagt Windeknecht. In dem Trichter habe sich schon damals ein kleiner See gebildet, „in dem wir – natürlich – schwimmen waren“.

Schon in den frühen Nachkriegsjahren sei dieses Areal bewacht gewesen. Auch habe es offizielle Aufräumkommandos gegeben, die das Gelände gezielt nach versprengter Munition und nach Blindgängern absuchten. „Eingesammelte Munition wurde dann zu ganz bestimmten Zeiten, die zuvor von der Gemeinde veröffentlicht wurden, gesprengt“, sagt Werner Windeknecht. „Wenn es also außerhalb dieser Zeiten geknallt hatte, wussten wir immer, dass es einen illegalen Sammler erwischt hatte“.

Tödlich verunglückt sei auch sein Cousin, ein Landwirt. Der hatte auf seiner Futterwiese Am Sandkopf eine Brandbombe mit Sprengsatz gefunden – einen Blindgänger. „Er hätte ihn einfach nicht wegwerfen sollen. Mein Cousin muss jämmerlich verblutet sein.“

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