Intensivklasse an der Gesamtschule Fuldatal für minderjährige Flüchtlinge

Erlebnisse verarbeiten: Der 14-jährige Afghane Samad ist nicht alphabetisiert. Ein Bild, das er in der Schule gemalt hat, zeigt aber, welche Erfahrungen der Schüler gemacht haben muss. Repro:  Shuhaiber

Fuldatal. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, Somalia, dem Irak, Bosnien, Mazedonien, Bulgarien, der Türkei, Polen und Rumänien. Insgesamt besuchen 18 Schüler aus zehn Nationen die neu eingerichtete Intensivklasse an der Gesamtschule Fuldatal im Ortsteil Ihringshausen.

Fünf der 18 Schüler sind Jugendliche, die ohne Eltern nach Deutschland geflohen sind - oder von ihren Familien auf dem Weg nach Deutschland getrennt wurden. Der 14-jährige Samad ist einer dieser unbegleiteten Jugendlichen. Der Afghane lebt im Schutzhof Calden. „Samad hat seine Eltern während der Flucht in der Türkei verloren“, erzählt Schulleiterin Christine Saure, der das Schicksal der unbegleiteten Jugendlichen sehr nahe geht. Vier Monate soll Samads beschwerliche Reise gedauert haben.

Schreckliche Erlebnisse

Welche schrecklichen Erlebnisse dem 14-Jährigen während der Flucht widerfahren sind, ist unklar. „Er spricht nicht darüber, wie er bis nach Deutschland gelangt ist“, sagt Saure. Aber die Bilder, die der 14-Jährige malt, deuten darauf hin, dass der Junge einiges erlebt haben muss. Rekonstruieren lässt sich lediglich, dass Samad seit dem 3. August in Deutschland ist. In der Erstaufnahme in Gießen wurde der 14-Jährige registriert und am 25. August in Kassel vom Gesundheitsamt medizinisch untersucht. In Afghanistan soll der Junge, der sich selbst als Turkmene bezeichnet, noch zwei Brüder und zwei Schwestern haben.

Individuelles Lernen

Sowohl die Schicksale der Jugendlichen als auch das unterschiedliche Bildungsniveau stellen die Pädagogen an der Gesamtschule Fuldatal vor große Herausforderungen. Die Schüler der Intensivklasse sind zwischen zwölf und 16 Jahre alt und unterschiedlich gut ausgebildet: „In der Klasse gibt es nicht alphabetisierte Kinder aus Afghanistan und sehr gut ausgebildete Syrer“, erklärt Klassenlehrerin Angelika von Davier, die einen Lehrauftrag an der Schule hat und die Jugendlichen im Fach Deutsch unterrichtet.

Der Unterricht sei immer individuell an die Bedürfnisse der Jugendlichen angepasst. Nicht alphabetisierte Schüler müssten zunächst das „Lernen lernen.“ Neben dem Unterricht in der Intensivklasse nehmen die Schüler auch am Sport-, Musik- und Kunstunterricht in anderen Klassen teil. „Einige Syrer besuchen auch den Mathematik- und Englischunterricht“, sagt Saure. In der Regel würden die Jugendlichen in unteren Jahrgängen eingestuft und würden je nach Bildungsstand am regulären Unterricht teilnehmen. Der Besuch der Intensivklasse sei allerdings auf zwei Jahre begrenzt. Im Anschluss würden die Schüler in andere Klassen übergeben.

Kein Fremdeln

Auffallend sei, dass die Flüchtlinge häufig deutlich erwachsener und reflektierter sind, als ihre gleichaltrigen Mitschüler. Ein Beispiel dafür ist die Reaktion der Intensivschüler auf die Terroranschläge von Paris: „Religion darf nicht als Waffe verwendet werden“, sagte der 15-jährige Nuurow aus Somalia und ergänzt: „Ich will doch nur in Sicherheit leben und jetzt haben alle Angst vor uns Flüchtlingen.“ In der Schule sei indes kein „Fremdeln“ zu spüren, sagt die Schulleiterin. Vielmehr würde der offene Umgang unter den Schülern auch in die Familien getragen werden und somit einen wichtigen Beitrag zur Integration und Akzeptanz der Flüchtlinge in der Bevölkerung leisten. „Ich zolle den Schülern großen Respekt dafür, dass sie die Flüchtlinge ohne Vorbehalte aufgenommen haben“, sagt Saure.

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