Rückrufaktion nach Abgasskandal: Auf VW-Autohäuser rollt Welle zu

Fuldatal/Kassel. Michael Gerlach steckt den Stecker des Diagnosegerätes in die passende Buchse des weißen VW Tiguan. „In einer halben Stunde ist alles fertig", sagt der Werkstattleiter des Autohaus Klein in Fuldatal-Ihringshausen.

Unspektakulär spielt sich die neue Software für den 2-Liter-Dieselmotor auf. Mit allem drum und dran könne ein Kunde sein Auto nach einer Stunde wieder abholen, ergänzt Firmenchef Jürgen Klein.

Es geht um die Abgassoftware: Marco Hinze (von links) und Werkstattleiter Michael Gerlach spielen die neuen Daten für den VW Tiguan auf. Das Autohaus Klein in Ihringshausen rechnet mit rund 2000 Fahrzeugen, die im Zusammenhang mit der Rückrufaktion in diesem Jahr abgegeben werden.

Rund 2,5 Millionen Dieselfahrzeuge aus dem VW-Konzern sind in Deutschland von der Rückrufaktion aufgrund des Abgasskandals betroffen. Für mehr als 800.000 Autos gibt es bereits die Freigabe durch das Kraftfahrt Bundesamt (KBA). Das bedeutet, die Behörde erkennt die von VW vorgesehene Umrüstaktion für bestimmte Modelle an. Fahrer von Golf, Caddy, Amarok, Tiguan und Passat kommen laut Jürgen Klein seither in die Werkstatt. Besonders nach der Freigabe des Passats durch das KBA meldeten sich viele Fahrer dieses Modells. „Das ist eine große Welle.“

Umgerüstet wurden in der Werkstatt bislang etwa 50 Autos. Insgesamt rechnet Klein aber mit rund 2000 Fahrzeugen, die in diesem Jahr in Ihringshausen abgegeben werden. Matthias Welter, Geschäftsführer bei der Kasseler Glinicke-Gruppe, geht sogar von bis zu 12.000 Autos für alle Kasseler Autohäuser des Unternehemens aus.

Jürgen Klein und Marketingleiter Hans-Norbert Alt weisen aber mit Nachdruck darauf hin, dass Kunden aufgrund der Vielzahl der Motorenvarianten erst einen Termin mit einer Werkstatt vereinbaren können, wenn sie dazu schriftlich von VW aufgefordert wurden. Dann gehe es allerdings recht schnell. „Wir haben zwei Mechaniker zusätzlich für die Rückrufaktion eingestellt“, sagt Klein. „Und bei der Terminvergabe kann ein Termin sofort vereinbart werden“, ergänzt Alt. Ein Serviceberater im Haus kümmere sich speziell um die Rückrufaktion. Alles sei ksotenlos.

Aus den Kreisen der VW-Händler der Region ist zu hören, dass der Unmut groß ist gegenüber den Verursachern der Abgaskrise. Für weiteren Ärger habe gesorgt, dass sich der Start der Rückrufaktion durch VW um einige Zeit verzögerte, so dass den Händlern unnötig Kosten entstanden seien, etwa durch frühzeitig zusätzlich eingestelltes Personal.

So läuft es ab: Sylke Noetzel aus Kassel gibt ihren Schlüssel bei Serviceberater Patrick Clobes ab. Noetzel war allerdings an diesem Tag nicht wegen der Rückrufaktion in dem Autohaus. Die Dauer für den Werkstattaufenthalt gibt der Betrieb mit einer Stunde an.

Jürgen Klein in Ihringshausen sieht grundsätzlich in der Krise auch eine Chance. „Diese Krise kam über Nacht“, sagt er. „Wir müssen das ausbügeln. Wer sonst, als die Händler vor Ort, sollten das tun.“ Als Autohaus habe man ein Servicepaket geschnürt. So gebe es etwa einen kostenlosen Hol- und Bringservice. „Und wir geben Kunden kostenfrei einen Mietwagen.“

Mehr Mietwagen

In gleicher Richtung argumentiert auch Matthias Welter von Glinicke. „Wir haben in allen Betrieben zusätzliches Personal eingestellt und den Bestand an Mietwagen aufgestockt. Außerdem gebe es ein Callcenter mit Ansprechpartnern, „dass immer jemand ans Telefon geht“..

Die Firmenleitung des Autohauses Klein geht davon aus, dass die Händler verloren gegangenes Vertrauen in Volkswagen wieder zurückgewinnen können. Das zeige auch die Tatsache, dass der Betrieb in Fuldatal in diesem Jahr gegenüber 2015 sogar einen höheren Auftragseingang verzeichne.

Hintergrund

Die VW-Werkstätten rüsten nicht nur Autos der Marke VW um, sondern auch die Motoren des Typs EA 189 der anderen Marken aus dem VW-Konzern , Audi, Skoda und Seat. Derzeit werden nur die 2-Liter-Motoren neu programmiert. Die betroffenen 1,6-Liter-Motoren folgen zu einem späteren Zeitpunkt.

Die 1,6-Liter-Motoren bekommen nicht nur eine neue Software aufgespielt, in den Ansaugtrakt des Fahrzeuges wird zusätzlich ein kleines Röhrchen (Strömungsgleichrichter) eingebaut. Laut Firmenchef Jürgen Klein ist es kein Problem, dass die Kunden bei der Umrüstaktion dabei sind.

Jürgen Klein weist ausdrücklich darauf hin, dass es nach der Erneuerung der Software keine negativen Auswirkungen etwa auf Spritverbrauch und Leistung des Motors gebe.

Rubriklistenbild: © Kühling

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