„Tue alles, dass Fuldatal blüht und gedeiht“

Interview: Polizeichef über neue Herausforderungen und Personalmangel

Über die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen der Bundesbereitschaftspolizei sprachen wir mit dem Präsidenten der Direktion Bundesbereitschaftspolizei in Fuldatal, Friedrich Eichele.

Herr Eichele, 2015 war das Jahr mit den meisten Einsatzanlässen. Wodurch bedingt sich das? 

Friedrich Eichele: Es gab eine deutliche Zunahme zur Jahresmitte 2015, als die Migrationswelle so richtig losging. Ich bin sehr froh darüber, wie unsere Kollegen das gehandhabt haben.

War die Situation schon vorher absehbar? 

Eichele: Wer sich einigermaßen mit Nordafrika und den Krisen dort auskennt, der weiß, wie groß der Druck dort ist, nach Europa zu gelangen. Ich hatte schon im Frühjahr angeregt, eine besondere Aufbauorganisation zu bilden. Das ist zwar erst passiert, als die Flüchtlingszahlen anstiegen. Aber besser spät, als gar nicht.

Haben Sie genug Ressourcen für einen solchen Einsatz? 

Eichele: Ressourcen haben wir immer zu wenig. Wir müssen mit dem zurechtkommen, was wir haben. Wir machen das Beste aus jeder Situation.

Wie viele Überstunden haben die Einsatzkräfte inzwischen angesammelt? 

Eichele: Reichlich. Ich schätze, ein Drittel der Überstunden, die die gesamte Bundespolizei verzeichnet, sind bei uns angefallen. . Ich denke, jeder Bereitschaftspolizist hat derzeit im Durchschnitt mehr als 200 Überstunden.

Wie wird für Ausgleich gesorgt? 

Eichele: Ich hoffe, dass sich möglichst viele Beamte, die Überstunden finanziell vergüten lassen. Aber die Höhe der Vergütung ist natürlich nicht so verlockend. Ansonsten versuchen wir, vor allem unter der Woche für Ausgleich zu sorgen. Ein Großteil der Einsätze findet ja am Wochenende statt. Auch Fortbildungen haben wir derzeit ziemlich reduziert.

Wie wirkt sich das auf die Leistungsfähigkeit der Beamten aus? 

Eichele: Durch die starke Einbindung hat natürlich unsere Leistungsfähigkeit in Bezug auf unser gesamtes Spektrum ein wenig gelitten. Wir haben zwar die absolut vorgeschriebenen Mindestfortbildungen wie zum Beispiel Schießübungen einigermaßen halten können. Wir mussten aber Defizite sehenden Auges in Kauf nehmen. Aber Einsatz geht immer vor.

Was werden die künftigen Herausforderungen für die Bundesbereitschaftspolizei sein? 

Eichele: Islamistischer Terrorismus, Migrationseinsätze - gegebenenfalls auch im Ausland -, Ressourcenmangel, insbesondere Personalmangel, das sind die wesentlichen Aspekte, mit denen wir zurechtkommen müssen. Wir bereiten uns schon seit Jahren auf gewalttätigeren Terrorismus vor. Die Krisen werden unmittelbarer, wir spüren sie sofort. Insofern erwarte ich, dass wir sehr viel zu tun bekommen werden.

Welche Vorteile bietet der Standort Fuldatal? 

Eichele: Wir haben hier vor allem eine Fliegerstaffel der Bundespolizei und eine gute, zentral in Deutschland gelegene Liegenschaft. Die wird häufig von der gesamten Bundespolizei genutzt. Die Verkehrsanbindung könnte natürlich ein bisschen besser sein.

Fuldatal war als möglicher Standort für eine Anti-Terror-Einheit im Gespräch. Bedauern Sie, dass es nicht geklappt hat? 

Eichele: Ich tue alles, dass der Bundespolizeistandort Fuldatal blüht und gedeiht. Aber um eine solche Einheit lebensfähig zu halten, braucht sie ein Umfeld. Die neue Einheit wird ja angegliedert an bereits bestehende Beweissicherungs- und Festnahmehundertschaften der Bundesbereitschaftspolizei. Die haben wir in Fuldatal nicht. Ohne dieses Umfeld macht es wenig Sinn, eine solche Einheit einfach irgendwo „hinzupflanzen“.

Zur Person

Friedrich Eichele (60) ist seit März 2008 Präsident der Direktion Bundesbereitschaftspolizei in Fuldatal. 1976 wurde er in den Bundesgrenzschutz eingestellt, von 1997 bis 2005 war er Kommandeur der GSG 9. Anschließend war er bis 2008 Vizepräsident des Bundespolizeipräsidiums Mitte. Eichele ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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