Kritik an Gesundheitssystem

Heiligenröder Gynäkologe findet keinen Nachfolger

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„Der Ärztemangel ist hausgemacht“, sagt der Gynäkologe Dr. Harald Lindemeyer. Mit dem aktuellen Honorarsystem sei eine Praxis heute kaum noch wirtschaftlich zu führen. Hinzu kämen permanente Einflussnahmen durch allerlei Vorschriften und Überprüfungen wie Qualitätsmanagement, Begehungen durch das Gesundheitsamt, Fortbildungsvorschriften, Regressbedrohungen.

Niestetal. Eigentlich will Dr. Harald Lindemeyer langsam mal in den Ruhestand. Der Gynäkologe wird im Juli 67 Jahre alt und hat ein arbeitsreiches Medizinerleben hinter sich.

Aktuell ist er noch in der Praxis der Kasseler Frauenärztin Dr. Katharina Kirsch an der Kasseler Straße 24 in Heiligenrode (ehemals Dr. Heidrun Kalisch) tätig. Jetzt im Juli will er seine Arbeitszeit von fünf auf vier Tage reduzieren - später will er dann nur noch zweieinhalb Tage in die Praxis.

Alle Arztsparten betroffen 

„Ich habe gesucht und gesucht, aber ein Nachfolger lässt sich nicht finden“, sagt Lindemeyer und macht damit auf ein Problem aufmerksam, das sich bereits seit Jahren verschärft - der Ärztemangel vor allem auf dem Land.

Wenn Lindemeyer geht, gibt es erst wieder in Kassel-Bettenhausen einen Frauenarzt. „Das kann nicht sein. Das alles läuft auf eine Unterversorgung hinaus“, sagt er. Betroffen seien nicht nur die Gynäkologen. „Alle Facharztsparten sind betroffen - wie auch die Hausärzte.“

Defizitäres Honorarsystem

Lindemeyer macht in erster Linie das Gesundheitssystem dafür verantwortlich. „Mittlerweile sind die wirtschaftlichen Risiken, eine Praxis zu übernehmen, so hoch, dass sich kaum noch ein Jungarzt für eine Niederlassung entscheidet“, sagt Lindemeyer. „Mit den von Politik und Krankenkassen zugestandenen Summen für die Patientenbehandlung ist eine Praxis kaum wirtschaftlich zu führen.“ Ursache dafür sei das Honorarsystem. So zahle die Kassenärztliche Vereinigung (KV) lediglich eine von der jeweiligen Diagnose abhängige Pauschale an die Ärzte aus, „und das unabhängig davon, wie oft dann der Patient wegen seiner Erkrankung in der Praxis erscheint“, sagt der Mediziner.

Die Folge: „Längst gibt es eine Entwicklung hin zum Dauerpatienten, der ständig kommt, stets eine medizinische Leistung erhält, an der der Arzt aber nichts mehr verdient, weil er ja schon seine Pauschale bekommen hat.“

280 Milliarden Euro stünden jährlich dem bundesdeutschen Gesundheitssystem zur Verfügung, nur etwa 33 Milliarden Euro davon erhielten die niedergelassenen Ärzte. Der große Rest fließe in die Kliniken oder werde schlicht von der Bürokratie der KV und der Krankenkassen aufgefressen. „Hier fehlt es in jeder Hinsicht an Transparenz, wohin welche Gelder fließen“, kritisiert Lindemeyer - und der Politik sei das völlig egal.

Im Gegenteil werde aktuell eher gegen die Facharztschiene bei den Niedergelassenen gearbeitet - zugunsten der medizinischen Versorgung durch Krankenhäuser und Großkliniken.

„Wir stehen vor einem Verteilungsproblem. Wenn das nicht gelöst wird, fahren wir die ärztliche Versorgung auf dem Land an die Wand“, sagt Lindemeyer. Er habe inzwischen großes Verständnis für Jungärzte, die sich eher für eine Karriere im Ausland oder in einer Klinik entscheiden. „Niemand nimmt mehr die langen Arbeitszeiten und die wirtschaftlichen Unsicherheiten, die eine eigene Praxis mit sich bringt, in Kauf.“

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