94-Jährige gibt Flüchtlingen Deutschunterricht

Engagiert im Alter: Anneliese Linge (94) gibt Flüchtlingen in Eschenstruth Deutschunterricht. Das Bild zeigt sie mit Zarghona und Mann Abdelsaboor aus Afghanistan und Mustafa aus Somalia. Foto: Lischper

Helsa. „Das ist ein BH", sagt Anneliese Linge und verdeutlicht den Sitz des Kleidungsstücks an ihrem Körper. Die 94-Jährige gibt Flüchtlingen Deutschunterricht.

Sie und ihr Schüler Abdelsaboor lachen los. Es ist Dienstagmorgen, zehn Uhr, in Eschenstruth. Zweimal in der Woche gibt sie Flüchtlingen im evangelischen Gemeindehaus Deutschunterricht. Was sie von den anderen, etwa acht Ehrenamtlichen, unterscheidet, ist ihr Alter: Linge wird in diesem Jahr 95 Jahre alt.

Zu Hause hinter dem Ofen sitzen ist nichts für sie, die studierte Lehrerin und ehemalige Direktorin der Grundschule Eschenstruth (damals Volksschule). Deshalb ist sie zweimal pro Woche für die Flüchtlinge da und an den übrigen Tagen für ihre Urenkelkinder. Seit zweieinhalb Jahren macht sie das schon - also seitdem es den Kurs gibt.

„Wenn die Menschen hierbleiben wollen, dann müssen die schon Deutsch können“, hatte sich die gebürtige Berlinerin, die selbst seit 1944 in Nordhessen ist, damals gesagt. Anfangs waren nur Eritreer in Eschenstruth. Bei ihrem Umgang mit den Flüchtlingen zehrte sie von ihrer Erfahrung aus den 90er-Jahren, als sie in Spangenberg geflüchtete Serben unterrichtete. Damals war es der Balkankonflikt, der die Menschen nach Hessen brachte. Heute verfügt sie über einen Stapel von Arbeitsblättern, die bei der Vermittlung der Sprache helfen.

Anfangs habe man sich mit Händen und Füßen verständigen müssen. „Nicht alle sprechen Englisch“, weiß Linge. Einfach drauflosreden sei das Rezept - und das wirkt. Denn das Ziel, mit dem Kurs eine Grundlage für den Integrationskurs zu liefern, sei schon häufiger erreicht worden, erzählt Pfarrerin Andrea Holler. Da sei schon manch einer höher eingestuft worden.

Eine Beispiel ist Zarghona. Die 48-Jährige aus Afghanistan besucht den Kurs gemeinsam mit ihrem Mann Abdelsaboor von Beginn an. In ihrer Heimat arbeitete sie als Journalistin für Print und Radio, berichtet sie mit Tränen in den Augen. Sprache sei wichtig, sagt Zarghona und blättert stolz durch ihr Arbeitsheft. „Das hat mir alles Frau Linge beigebracht.“

Über das Lehrer-Schüler-Verhältnis hinaus haben sich auch Freundschaften entwickelt. „Einer meiner Schüler aus Eritrea wohnt heute in Kassel und ruft immer noch regelmäßig an, um zu fragen, wie es mir geht.“ Man müsse einfach auf die Menschen zugehen und ihnen Freundlichkeit entgegenbringen. „Wenn man ewig Abstand hält, dann wird man nie zusammenkommen.“

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