Erster Wickenröder Krimi: Mord und Totschlag im nordhessischen Dorfidyll

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„Ich merke, was das Schweigen mit den Orten macht“: Nicole Zaspel, die unter dem Künstlernamen Nicole Braun schreibt, lässt ihren Krimi „Heimläuten“ in Wickenrode spielen und erforscht den Umgang ihrer Figuren mit der deutschen Vergangenheit.

Helsa. Leichen in Wickenrode? Wie ein nordhessisches Dorfidyll zum Schauplatz von Mord und Totschlag werden kann, schildert Nicole Braun in ihrem Debütroman „Heimläuten".

Nicole Braun heißt eigentlich Nicole Zaspel, lebt seit 1998 in Wickenrode und macht „Hessisch Sibirien“ zum Handlungsort ihres Krimis.

Im Helsaer Ortsteil Wickenrode sei alles etwas extremer als in der Stadt: Der Wind bläst stärker, Donner breitet sich im Talkessel angsteinflößend aus und im Sommer ertönt darin ein Chor der weidenden Schafe. Ihre erste Dorfbegebenheit beobachtete sie aus dem damaligen Haus heraus: Ein Schwein wurde auf dem Kopfsteinpflaster geschlachtet - „und abends reichte mir der Nachbar Weckewerk“.

Ihre Beobachtungen und die Begeisterung für das raue Nordhessen und das ländliche Flair hat die 42-Jährige in einen Krimi gepackt: Der jüdische Arzt Edgar Brix kehrt in den 60er-Jahren aus dem Exil in sein Heimatdorf Wickenrode zurück und übernimmt die alte Arztpraxis seines Vaters. Mit einem Leichenfund werden Erinnerungen an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg geweckt. Mit seinem alten Bekannten Albrecht Schneider begibt sich Brix auf Spurensuche und wird dabei von der Vergangenheit eingeholt.

Spiel mit der Realität

„Ich halte mich nicht an reale Fakten, sondern spiele damit“, erzählt Zaspel. So taufte sie die evangelische Kirchengemeinde in eine katholische um - „sonst gäbe es ja kein Schweigegelöbnis“. Die Figuren habe es schon vorher gegeben und sie habe diese nun in ein neues Setting gesetzt. Dabei sparte sie nicht an Lokalkolorit: Ein Teil der Handlung spielt an besonderen Plätzen des Dorfes (siehe Artikel unten) und auch die kantige nordhessische Mentalität der Einwohner, typische Dorfnamen wie Noll und Söder und die Geschichte des Dorfes spielen eine große Rolle.

Um alles über das Wickenrode der 60er-Jahre herauszufinden, recherchierte sie viel und wurde dabei unter anderem vom Geschichtsverein Helsa unterstützt. „Wenn ich kam, lag da schon ein Stapel mit dem Zettel ,an die Krimiautorin‘“, schwärmt Zaspel.

„Ich habe mich nach der Langsamkeit dieser Zeit gesehnt“, sagt sie. Auf rasante Schnitte wie in einem Henning Mankell habe sie bewusst verzichtet. Eigentlich sollte „Heimläuten“ sogar gar kein Krimi werden, sondern eine Familienchronik. „Ich wollte schauen, was passiert, wenn das Leben einer Person nach dem Krieg so weitergeht wie vorher - obwohl sich dessen Leben in dieser Zeit radikal verändert hatte.“ Ihr Protagonist Edgar Brix musste schließlich während des Kriegs vor den Nazis fliehen, weil ihm „ein Stempel aufgedrückt“ wurde.

Familienchronik zerlegt

Als Krimi sei die Geschichte aber besser zu verarbeiten gewesen, so habe sie die Familienchronik in Teile zerlegt. Drei weitere sollen folgen, der nächste schon diesen Herbst.

Daraus ergibt sich auch der Anspruch der Autorin an den ersten Teil: „Es ist nicht wichtig, wie er ausgeht, sondern wie er weitergeht.“

Lesung

Ihren Roman „Heimläuten“ stellt Nicole Zaspel am Sonntag, 28. Februar, 16 Uhr, in einer Lesung mit Musik im Theaterstübchen in Kassel vor. Der Eintritt kostet 5 Euro.

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