„Helsa war eine Nazi-Hochburg“: Verein arbeitet an Buch

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Aufwendige Recherche: Für das Buch zur NS-Vergangenheit Helsas hat der Geschichtsverein viele Bilder und Dokumente gesichtet.

Helsa. Eine Munitionsfabrik in Hirschhagen, Arbeitslager in Waldhof und Eschenstruth, ein Helsaer Gasthof als Parteizentrale der NSDAP - an vielen Stellen in Helsas Ortsteilen gibt es Beispiele für die Nazi-Vergangenheit.

Ihnen nimmt sich das aktuelle Projekt des Helsaer Geschichtsvereins an.

Das Bild zeigt den Vereinsvorsitzenden Gerd Vogelsang (links) und seinen Vereinskollegen Gerold Kunert im Geschichtsverein.

„Helsa war eine Nazi-Hochburg“, sagt der Vorsitzende Gerd Vogelsang (70). Zusammen mit seinem Kollegen Gerold Kunert (69) leitet er die Recherche für ein Buch, das Ende des Jahres auf über 120 Seiten das dunkle Kapitel für Helsa aufarbeitet. Grundlage der Recherche bildete eine von Vogelsangs Tochter Nadine Anfang der 90er-Jahre geschriebene Jahresarbeit über die Hitlerjugend in Helsa. Unterstützt von engagierten Mitgliedern des Vereins wurde Material aus den Jahren 1925 bis 1945 gesammelt - Bilder, Schriftstücke, Dokumente. 

Derzeit arbeite man noch am Ortsteil Eschenstruth, erzählt Kunert und weist auf das Problem hin, dass vor dem Einmarsch der Amerikaner viele Dokumente vernichtet wurden. „Aus dem Protokollbuch des Gemeindevorstands sind ab 1934 alle Seiten herausgerissen.“ Bei der Recherche ging es darum, Dokumente und Bilder zu finden, die Rückschlüsse auf die Nazi-Vergangenheit zulassen und zeigen, wo sich Widerstand gebildet hat. Denn von Anfang an habe es auch eine „kommunistische Gegenbewegung“ gegeben - vor allem in Eschenstruth und Wickenrode. Die parallele Präsenz von NSDAPlern und KPDlern habe zu Konflikten zwischen den einzelnen Ortsteilen geführt, berichtet Vogelsang. Schlägereien zwischen Anhängern von KPD und NSDAP seien regelmäßig ausgeartet. „Kommunisten wurden verhaftet und dann nach Helsa ins ,Braune Haus‘ gebracht“, erzählt Vogelsang. So wurde der Gasthof „Zum Weißen Roß“ bezeichnet.

Zeitzeugen sterben weg

Nicht aus allen Ortsteilen gibt es viele Informationen. Viele Zeitzeugen seien bereits verstorben. So bleibt Kunert und Vogelsang zum Teil nur die Information, dass jemand etwas gewusst hätte, der nun aber gerade gestorben ist. 

Die meisten Informationen gibt es zu Helsa, aus Wickenrode kamen viele Fotos. „Da ist jeder Hitlerjunge fotografiert worden.“ Aus Eschenstruth konnte man hingegen kaum Bilder, aber viel schriftliches Material sammeln. Für die Aufbereitung, auch bezüglich der Frage, was man überhaupt veröffentlichen darf, holte sich der Verein Hilfe bei der Kasseler Geschichtsprofessorin Anke Ortlepp.

Über das Gemeindeblättchen hatte der Geschichtsverein auf das Projekt hingewiesen - und stieß nicht überall auf offene Türen. „Es gibt Widerstände, das zu bringen“, sagt Vogelsang. Immer wieder sei man in den vergangenen drei Jahren gebeten worden, man solle doch die alten Geschichten ruhen lassen. Andere sagten, der Geschichtsverein müsse eben so etwas aufarbeiten. „Als Geschichtsverein sehen wir uns dazu verpflichtet“, sagt Vogelsang. Kunert stimmt zu: „Unsere Eltern und Großeltern haben die Aufarbeitung versäumt, jetzt müssen eben die Enkel ran“ - wenn auch 20 Jahre zu spät, so der Vorsitzende.

Nazi-Zeit in Helsa - Hitler war Ehrenbürger

Er selbst habe keine braune Vergangenheit. Sein Opa, erzählt der gebürtige Helsaer, sei Sozialdemokrat gewesen. Vogelsangs Onkel seien im Zweiten Weltkrieg gefallen - „eine einschneidende Erfahrung für den Großvater“. Kunerts Eltern waren Sudetendeutsche, wurden 1946 ausgebürgert und vertrieben und landeten 1949 in der Flüchtlingssiedlung Waldhof.

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Hintergrund

Erst seit drei Jahren ist der nationalsozialistische Diktator Adolf Hitler nicht mehr Ehrenbürger der Gemeinde Helsa. Die Ehrenbürgerrechte waren im April 2013 einstimmig vom Gemeindeparlament zurückgezogen worden. Er war am 5. April 1933 dazu ernannt worden. Ob der Diktator in allen Ortsteilen Ehrenbürger war, konnte nicht nachvollzogen werden. Die früher selbstständige Gemeinde Wickenrode hatte ihm den Titel schon 1946 aberkannt. Formal endete die Ehrenbürgerschaft mit seinem Tod. Für das Parlament sollte die Aberkennung ein Zeichen gegen nationalsozialistische Verbrechen sein. Im Antrag zur Aberkennung, der von SPD, CDU und GLH ausgearbeitet wurde, stand: Die Gemeinde bekenne sich zur „Verurteilung des verbrecherischen nationalsozialistischen Regimes und seiner Unterstützer“.

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