Giftproblem in Helsa: Kritik an Gemeinde und Hessen Mobil

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Saubere Sache? Kontaminiertes Wasser läuft durch einen Aktivkohlefilter und wird dann in die Losse geleitet.

Helsa. Der Vorsitzende der Gemeindevertretung der Grünen Liste Helsa wirft Hessen Mobil und der Gemeindeverwaltung einen nachlässigen Umgang mit dem in Boden und Grundwasser nachgewiesenen Gift vor.

Im Zuge des Ausbaus der Autobahn 44 wird zwischen Helsa-Eschenstruth und Hessisch Lichtenau auch die ehemalige Munitionsfabrik unterquert. „In diesem Bereich werden bei den Bauarbeiten durch Altlasten aus der Rüstungsproduktion verseuchtes Grundwasser und Erdreich freigelegt“, sagt Gemeindevertreter Rainer Dallmann (Grüne Liste Helsa).

Dass der Bereich unter dem Tunnel Hirschhagen einer der Hotspots ist, in dem der Boden mit Giftstoffen belastet ist, ist bereits seit Jahren ein Thema in der Gemeinde. Hessen Mobil hatte dies anhand von Laboranalysen herausgefunden. Die Ergebnisse dieser Analysen stehen im Ratsinformationssystem und sind allein Gemeindevertretern zugänglich.

Den Vorsitzenden der Grünen Liste Helsa, Dallmann, erzürnt dies. Seine Partei sorge sich „um die Gesundheit der Bürger und die Reinhaltung der Umwelt“ und fordere „einen offenen Umgang mit den ermittelten Belastungen von Boden und Wasser in diesem Bereich“.

Hessen Mobil weist in einem Schreiben (Januar 2016) an Dallmann, das der HNA vorliegt, darauf hin, dass „für die Interpretation der Messwerte zu den Nitroaromatenbelastungen besondere Kenntnisse notwendig sind“. Laien würden „nackte Messwerte“ nicht verstehen.

Deshalb: „Um unglücklichen Missverständnissen und aufgrund von fehlenden Vorkenntnissen entstehenden Fehlinterpretationen vorzubeugen“, halte man es für richtig, ausschließlich Gemeindevertretern Zugang dazu zu verschaffen. Interessierten Bürgern bietet die Behörde an, die Untersuchungsergebnisse am Standort Kassel einzusehen und sich erklären zu lassen. Bislang seien aber, heißt es in dem Schreiben, „keine Anträge auf Einsicht“ von Bürgern eingegangen. Am Telefon wollte sich Hessen Mobil gestern nicht dazu äußern und äußerte stattdessen den Wunsch, den Sachverhalt „in einem größeren Zusammenhang zu besprechen“.

Rainer Dallmann, der Einblick in die Tabellen hatte, spricht von einer „gefährlichen Verseuchung“ von Boden und Wasser an einzelnen Hotspots. Dazu gehöre auch der Tunnelbereich zwischen Eschenstruth und Hessisch Lichtenau.

Wasser, das aus dem Tunnel abgepumpt werde, würde über einen Aktivkohlefilter in die Losse geführt. „Wenn der Aktivkohlefilter mal nicht funktioniert oder irgendwann abgenutzt ist, würde Hessen Mobil dies erst eine Woche später erfahren“, sagt Dallmann. Denn bis die Ergebnisse einer Wasseranalyse vorlägen, brauche es eine Woche. „In der Zeit wäre das Gift schon in der Welt.“

Laut Dallmann müsse das Wasser, aber auch der Boden aus dem Tunnel, der verbaut werde, zwischengelagert werden, bis sicher ist, dass es frei von Gift ist. Von der Gemeindevertretung erwarte er: „Dass sie klar Stellung nimmt zu dem Giftproblem“. Das sei schließlich eine Sache der Transparenz.

Interview mit Bürgermeister Tilo Küthe (SPD):

Herr Küthe, was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Hessen Mobil allein Gemeindevertretern Zugang zu den Laborergebnissen verschafft? 

Tilo Küthe: Nach Aussage von Hessen Mobil werden die Werte auch interessierten Personen zugänglich gemacht.

Wie schätzen Sie die Arbeit von Hessen Mobil bezüglich der regelmäßigen Probenentnahme ein? 

Küthe: Ich gehe grundsätzlich von einer professionellen Baufirma und Baubegleitung durch Hessen Mobil aus. Insgesamt verfolgen wir das Vorhaben kritisch und wurden bisher weder enttäuscht, noch hatten wir Anlass zu Zweifeln oder Vermutungen einer Pflichtverletzung.

Haben Sie Angst, dass eine Kontaminierung des Bodens oder des Grundwassers während der Baumaßnahme unentdeckt bleibt? 

Küthe: Nein, da die professionelle Baufirma und die Bauaufsicht und auch das beauftragte Prüflabor vorgeschaltet sind und schlussendlich die Gemeinde, die Gemeindevertreter und auch - über den Umweg Hessen Mobil - jeder Einwohner Zugang zu den Werten haben und diese bewerten können.

Wir wissen seit vielen Jahren, dass die Bestrebungen des Landes Hessen bestehen, die Kontaminierung durch das Rüstungswerk Hirschhagen abzubauen. Hier wurde in der Gemeinde Helsa die Siedlung Waldhof umfangreich dekontaminiert. Im Bereich des Werkes sind ebenfalls noch nicht alle Arbeiten abgeschlossen, jedoch weit fortgeschritten.

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