„Zutrauliche, in Sitten und Brauchtum lebende Bevölkerung“

Nazi-Reiseführer zeigt: Wickenrode war braunes Musterdorf

Blick ins Kapitel zu Wickenrode: Der Reiseführer wollte in die nordhessischen Dörfer locken, die als besonders braun galten.

Helsa. In der Sammlung des Helsaer Geschichtsvereins gibt es viele Schätze. Einer jedoch sticht heraus: Ein Nordhessen-Reiseführer von 1938, der offensichtlich aus der Feder der Nazis stammt.

Helsa und Wickenrode werden darin als vorbildliche braune Dörfer vorgestellt. Das 300-Seiten-Buch heißt „Kassel mit Wilhelmshöhe - die Stadt der Reichskriegertage und ihre Ausflugsorte“.

Von Nazis für Nazis: Wickenrode wird hier als „das optimale Ziel für Wanderungen aus dem Kasseler Becken“ bezeichnet - als „Musterdorf“ mit „erhöhter Anziehungskraft“. Begründet wird dies mit „sauber geputzten und mit Blumen geschmückten Fachwerkhäusern“ und einer „zutraulichen, in Sitten und Brauchtum lebenden Bevölkerung“. Wickenrode sei ein Dorf, „dass gewohnt ist, in allen erstrebenswerten Zielen der NS-Bewegung vorn zu marschieren“.

Nicole Zaspel

Gefunden hatte das Buch die Wickenröder Krimi-Autorin Nicole Zaspel, die unter dem Namen Nicole Braun vor kurzem den regionalen Kriminalroman „Heimläuten“ veröffentlicht hat, der unter anderem in den 1930er-Jahren spielt. Für ihre Recherche hatte die Autorin nach Dokumenten gesucht, die ihr einen Einblick in die Alltagswelt dieser Zeit gaben. Zwölf Euro hatte sie dafür auf der Internetplattform Ebay gezahlt. „Der Reiseführer diente mir als Inspirationsquelle“, sagt Zaspel. Auch weil es die Region vor der Zerstörung darstellt.

An jedem Dorf werde das Nationalsozialistische hervorgehoben - mit blumiger Sprache und immer bezugnehmend auf die nationalsozialistische Ausprägung der Orte. „Der Reiseführer sollte Lust machen, die Orte zu besuchen.“ So wie zum Beispiel Wickenrode, in dem die Nazi-Bewegung besonders gegriffen hat. Beim Lesen habe sich Zaspel immer wieder gefragt, wie es ihr damals ergangen wäre, so die 42-Jährige.

Nach ihrer Recherche habe sie das Buch dann dem Geschichtsverein übergeben - zur großen Freude des Vorsitzenden Gerd Vogelsang, der derzeit die Nazi-Vergangenheit von Helsas Ortsteilen aufbereitet.

Dass Wickenrode in dem Reiseführer als „Musterdorf“ bezeichnet wird, sei ihm schon aus den Dorfnachrichten der 30er bekannt gewesen - darin sei die Nachricht von der Auszeichnung durch die NSDAP vermeldet worden. Anlass dafür könnte laut Vogelsang der damalige Bürgermeister gewesen sein. „Elias Peter hatte wohl eine sehr soziale Einstellung, tat vor allem viel für die Jugend.“ Und die Dorffrauen hatten fleißig Strickmützen für die Soldaten gestrickt und sie mit Lebensmitteln versorgt - das habe seine bisherige Recherche ergeben.

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