Interview mit ADAC-Experte: „Alleen sind nicht Unfallursache"

Die Kreisstraße zwischen Oberkaufungen und Nieste wurde zur Allee: Der Landkreis Kassel betrachtet die Anpflanzung der 114 jungen Bäume als Ausgleichsmaßnahme für die Natur, weil die Straße vor einigen Jahren verbreitert wurde. Archivfoto: Lischper

Kreis Kassel. Der Landkreis Kassel pflanzt an Kreisstraßen Bäume an. Haben Alleen Einfluss auf die Verkehrssicherheit? Wir fragten beim ADAC-Experten Thomas Kramer nach.

Erst vor wenigen Wochen wurde die Kreisstraße zwischen Oberkaufungen und Nieste zur Allee: 114 junge Eichen wurden dort angepflanzt, um die Natur für die Arbeiten an der Straße zu entschädigen. Daraufhin hagelte es Kritik.

Herr Kramer, welchen Sinn und Zweck haben Alleen ?

Thomas Kramer: Alleen sind in Europa die älteste Form der Straßenbepflanzung. Sie dienten ursprünglich, also schon im Mittelalter, zur Befestigung der Wege. Ihr Wurzelwerk verhinderte, dass sich die unbefestigte Wegoberfläche abträgt.

Welche Vorteile bieten sie heute?

Kramer: Die geschlossenen Baumkronen liefern Schatten und Schutz vor Niederschlag und Wind. Damit schützen baumbestandene Straßen auch vor Bodenerosion in der Landwirtschaft.

Sind Alleen gefährlicher als andere Straßen, an denen keine Bäume stehen?

Kramer: Laubfall kann bei festgefahrenen Blättern auf dem Asphalt und vor allem bei einsetzendem Regen zu einer rutschigen Fahrbahn führen. Gefährlich sind baumbestandene Straßen aber nicht automatisch - vorausgesetzt die Autofahrer setzten sich verantwortungsvoll hinters Steuer. Viele Außerortsstraßen sind von Bäumen gesäumt, oftmals unmittelbar am Fahrbahnrand. Während es sicher nicht angemessen ist, alle Straßenbäume zu entfernen, sollte die Verträglichkeit mit schnellem Kraftverkehr im Einzelfall analysiert und bewertet werden.

Kommt es in Alleen häufiger zu Unfällen?

Kramer: Der Aufprall auf feste Hindernisse neben der Fahrbahn ist zwar nur für 17 Prozent der im Straßenverkehr Verunglückten, jedoch für 38 Prozent der Getöteten verantwortlich. Fast die Hälfte dieser Opfer stirbt bei der Kollision mit einem Baum; im Jahr 2013 waren dies in Deutschland insgesamt 601 Personen. Mit 507 Todesopfern sind Unfälle mit Bäumen vor allem ein Landstraßenproblem.

Welche Arten von Unfällen können Alleen begünstigen?

Kramer: Die schweren Unfallfolgen von Baumunfällen resultieren daraus, dass Fahrzeuge nach einem Fahrfehler häufig mit der Seite oder dem Dach auf einen Baum prallen. Die Schutzsysteme des Fahrzeuges wie die Knautschzone im Vorderwagen und der Airbag können ihre Wirkung dann kaum entfalten. Häufig sind überhöhte Geschwindigkeit und Unachtsamkeit die Unfallursache - nicht die Alleen selbst.

Wie könnte man Alleen sicherer gestalten?

Kramer: Neupflanzungen von Bäumen sollten bereits zum Zeitpunkt der Pflanzung mit Schutzeinrichtungen gesichert oder systematisch nachgerüstet werden. Und: Es sollte entsprechend der Empfehlungen auf einen angemessenen Abstand zum Straßenrand geachtet werden.

Zur Person: Thomas Kramer (37) ist gelernter kaufmännischer Angestellter und arbeitet im Fachbereich Verkehr und Technik des ADAC, der unter anderem zuständig ist für das Thema Verkehrssicherheit. Er ist ledig und lebt in Frankfurt. 

Das sagt das Ministerium

Unter Aspekten des Umweltschutzes seien Alleen grundsätzlich als vorteilhaft zu bewerten, da sie einen Beitrag leisten können, die ökologischen Auswirkungen des Verkehrs zu minimieren, teilt das hessische Umwelt- und Verkehrsministerium auf Anfrage mit. So würden Alleen unter anderem einen Ausgleich für die Versiegelung von Böden bieten und zur Verbesserung des Kleinklimas beitragen. „Zusätzlich können Straßen durch Alleen zu einem prägenden Bestandteil der (Kultur-)Landschaft werden.“

Im Hinblick auf die Verkehrssicherheit bewertet das Ministerium Alleen allerdings anders: „Alleen können zwar zu einer Verbesserung der optischen Linienführung der Straße beitragen und so dem Kfz-Fahrer vorausschauend den Straßenverlauf signalisieren. Sie tragen durch die Verringerung der Anfahr- und Überholsichtweiten aber häufig auch zu einer Zunahme der Vorfahrtsverletzungs- und Überholunfälle bei.“ 2013 habe es 3990 Schwerverletzte gegeben.

Hier verweist man auf die von Bund und Land aufgestellten „Empfehlungen zum Schutz vor Unfällen mit Aufprall auf Bäume“ (ESAB 2006), die auch Empfehlungen zur Verkehrssicherheit enthalten: Einen Regelabstand der Bäume von mindestens 4,5 Metern zum Fahrbahnrand, die Einrichtung von Schutzeinrichtungen wie zum Beispiel Schutzplanken sowie eine regelmäßige Überprüfung und Bewertung der Unfallsituation während des Heranwachsens der Bäume.

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