Interview zur Schuldfähigkeit: „Die Wahrheit wird gebogen“

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Strafe setzt Schuld voraus: In Gesprächen mit einem Straftäter sollen Psychiater feststellen, ob dieser die Fähigkeit hat, das Unrecht seiner Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln.

Espenau/Kassel. Im Fall des 29-Jährigen aus Espenau-Hohenkirchen, der unter Verdacht steht, einen 52-jährigen Mann im Juni vergangenen Jahres ins Koma geprügelt zu haben, prüft die Staatsanwaltschaft Kassel derzeit dessen Schuldfähigkeit.

Über die Begutachtung von Straftätern sprachen wir mit dem Kasseler Psychiater Dr. Rolf Günther.

Herr Dr. Günther, wie definieren Sie als psychiatrischer Gutachter Schuldunfähigkeit?

Rolf Günther: Das geht ganz strikt nach den Paragrafen 20 und 21 des Strafgesetzbuches. Darin sind vier Eingangsmerkmale formuliert: krankhafte seelische Störung, tiefgreifende Bewusstseinsstörung, Schwachsinn und schwere andere seelische Abartigkeit. In einem ersten Schritt überprüft der Gutachter, ob überhaupt eine dieser Voraussetzungen zur Tatzeit vorgelegen hat. Ist das nicht der Fall, dann stellt sich die Frage der Schuldunfähigkeit nicht weiter.

Wie geht es weiter, wenn eine der Voraussetzungen vorliegt?

Günther: Dann prüft man, ob der Betreffende aufgrund dessen nicht einsichtsfähig war, das heißt, ob die Fähigkeit zur Einsicht durch die Krankheit zur Tatzeit aufgehoben war. Ist der Betreffende einsichtsfähig, dann prüft man in einem weiteren Schritt, ob die Erkrankung irgendwelche Auswirkungen darauf hat, ob jemand sein Verhalten steuern kann.

Diese Auswirkungen müssen aber sehr ausgeprägt sein. Jemand ist erst dann schuldunfähig oder vermindert schuldfähig, wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind. Wichtig dabei ist, dass die Erkrankung oder psychische Störung auch tatunabhängig bestehen muss und nicht nur in der Tat selbst zutage tritt.

Wie wird eine Diagnose gestellt?

Günther: Aus der Vorgeschichte und der Verhaltensbeobachtung des Probanden. Die Untersuchung erfolgt meistens ambulant. Der Kandidat kommt zum Psychiater in die Praxis. Während der Proband erzählt, beobachtet der Psychiater sein Verhalten.

Auf welche Verhaltensweisen achten Sie dabei?

Günther: Das geht im Grunde schon bei der Einladung los. Wie reagiert er darauf? Kommt er pünktlich? Ist er höflich? Ist er gepflegt gekleidet? Weiß der Proband wo er ist? Wie ist seine Stimmung? Wie ist das zwischenmenschliche Verhalten? Hört er zu, wenn ich etwas sage? Reagiert er sinngemäß? Diese Informationen - zusammen mit Akteninformationen und gegebenenfalls Vorberichten aus anderen Kliniken - führen meistens schon zur psychiatrischen Diagnose. Bei körperlichen Erkrankungen wird man zusätzlich beispielsweise Laboruntersuchungen oder bildgebende Untersuchungen des Kopfes (MRT) machen.

Wird in den Gesprächen über die Tat gesprochen?

Günther: Die Tat ist oft gar nicht das Thema, denn ich muss als Psychiater ja eine tatunabhängige Erkrankung feststellen. Die Eingangskriterien müssen weite Bereiche des Lebens erfassen und tatunabhängig vorliegen. Im weiteren Schritt prüft man, ob sich eine Verbindung zwischen der Krankheit und der Tat herstellen lässt. Zudem äußern sich die Probanden oftmals auch nicht zur Tat, weil das später bei der Beweiserhebung in der Gerichtsverhandlung problematisch sein könnte.

Haben Sie in diesen Gesprächen oft das Gefühl, dass sie angelogen werden?

Günther: Ja, immer. Wenn jemand in so einem Strafverfahren ist, dann wird die Wahrheit natürlich gebogen, damit am Ende möglichst das rauskommt, was man gerne hätte. Ich unterstelle nicht primär, dass mir jemand von Anfang an die Unwahrheit sagt. Aber ich habe immer eine gewisse Skepsis, inwieweit die Aussagen tatsächlich Aussagen über die Realität sind. Das spielt aber auch gar keine so große Rolle. Denn ein wesentlicher Teil der Diagnose basiert ja schlichtweg auf meiner Beobachtung.

Woran merken Sie, dass jemand die Wahrheit verbiegt?

Günther: Ich mache das ja schon ein paar Jahre und habe viel Erfahrung mit psychisch kranken Menschen gesammelt. Ich weiß, wie jemand mit einer bestimmten psychischen Erkrankung, beispielsweise einer Schizophrenie aussieht. Da müsste jemand schon ziemliche schauspielerische Fähigkeiten haben, mir das vorzuspielen.

Zur Person: 

Dr. med. Rolf Günther (60) ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Vitos Kurhessen-Klinik. Er hat in Bonn Medizin studiert. Seine Weiterbildung zum Facharzt absolvierte er am Münchener Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Er ist stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und arbeitet in der psychiatrischen Ambulanz, die sich in der Karthäuserstraße 3 in Kassel befindet. Günther ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt seit 30 Jahren in Kassel.

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