Einmal Paraguay und zurück

Ute Häntschel aus Kaufungen lebte 22 Jahre in Südamerika

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Erinnerungen an eine besondere Zeit: Die Bebranerin Ute Häntschel lebte 22 Jahre in Paraguay, wo auch ihre Tochter Jacqueline (auf dem kleinen Bild in Schuluniform) geboren wurde. Der Becher ist ein Mitbringsel, aus dem sie immer noch gern trinkt. 

Kaufungen. 22 Jahre ist es her, dass sie mit ihrem damaligen Mann, dem neunjährigen Sohn und der elfjährigen Tochter von Bebra nach Paraguay ausgewandert ist. Jetzt lebt sie mit ihrer Tochter Jacqueline (16) in Kaufungen.

Zurücklassen musste sie in Paraguay ihren elfjährigen Adoptivsohn Emmanuel. Seine Einreise gestaltet sich als langwierige Sache.

Ihre Mutter war verstorben, ihr Mann alkoholkrank und arbeitslos. Man sehnte sich nach einem Leben, in dem Geldsorgen keine Rolle spielten. Über einen Bekannten fand der Mann in Paraguays Hauptstadt Asunción Arbeit.

Ohne Spanischkenntnisse wagte man den Schritt in ein neues Leben, erzählt Häntschel. „Die Leute dort fragten nicht nach deinem Einkommen und lachten auch nicht über deine Kleidung“ - ein großer Kontrast zu ihrem Leben in Deutschland. „In Paraguay ist man zufrieden mit dem, was man hat.“

Kehrseite des unbeschwerten Lebens

Doch auch die Kehrseiten des auf den ersten Blick unbeschwerten Lebens bekam die Familie schnell zu spüren. Es gibt dort keine Krankenversicherung und Bildung ist der Oberschicht vorbehalten, erinnert sich Häntschel. Nicht für alle Aspekte des Alltags bot Paraguay eine Lösung. Häntschels Mann bekam seine Alkoholsucht nicht in den Griff und ging zurück nach Deutschland. Die Tochter folgte ihm.

Häntschel selbst lernte einen Paraguayer kennen, zog zu ihm ins Haus und bekam mit ihm ihr drittes Kind, Jacqueline. „Ich habe im Garten Erdbeeren angepflanzt und sie in Körben an der Straße verkauft“, erzählt die 55-Jährige. Das für sie schönste Erlebnis war jedoch die Adoption von Emmanuel, dem vier Monate alten Sohn einer verarmten Frau, die bereits mehrere Kinder an das dortige Jugendamt hatte abgeben müssen.

Ein emotionaler Kraftakt

Doch was vor Ort so reibungslos vonstattenging, entwickelte sich zum emotionalen Kraftakt. Denn Tochter Jacqueline sollte „eine ordentliche Schulbildung“ bekommen. Schnell stand fest: Es geht zurück nach Kaufungen. Die Zwölfjährige ging nach Deutschland, kam bei Häntschels ältester Tochter unter und ihre Mutter folgte. „Ich wollte eine Wohnung organisieren, mir Arbeit suchen und dann Emmanuel nachholen.“

Auf die Einreiseerlaubnis für den mittlerweile Elfjährigen wartet sie bis heute. Über Whatsapp hält sie den Kontakt zu ihm, der bei Verwandten lebt, die seine Reise organisieren wollen. Vor wenigen Wochen erreichte sie die Nachricht vom Tod ihres Lebensgefährten. Er hatte Krebs, deshalb war er auch nicht mit nach Deutschland gekommen. Häntschel sehnt sich nach dem Moment, in dem sie ihren Jungen in die Arme schließen kann. Was bleibt, ist nur noch der Traum von einem kleinen Häuschen sowie einem Gemüsegarten und Hühnern.

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