Interview mit Tierarzt: Tierbesitzer können auch selbst Erste Hilfe leisten

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Gibt auch Erste-Hilfe-Kurse für Tierbesitzer: Der Kaufunger Tierarzt Michael Goebbels.

Kreis Kassel/Kaufungen. Bei dem Brand eines Wohnhauses in Vellmar-Frommershausen am Mittwochmittag ist der Hund eines Hausbesitzers verletzt worden.

Eine Notärztin vom Deutschen Roten Kreuz, die normalerweise nur Menschen behandelt, versorgte das Tier vor Ort: Es hatte eine Rauchgasvergiftung erlitten. Wir sprachen mit dem Oberkaufunger Tierarzt Dr. Michael Goebbels, inwieweit man in einem solchen Fall bei seinem Tier Erste Hilfe leisten kann.

Herr Goebbels, wie unterscheidet sich die Erste Hilfe am Menschen von der am Tier? 

Michael Goebbels: Es gibt vergleichbare Vorgehensweisen beim Tier, man muss nur wissen, wie es funktioniert. Mund-zu-Mund-Beatmung beim Menschen ist bei Tieren Mund-zu-Nase-Beatmung. Aber das, wie zum Beispiel auch eine Herzmassage, kann man in einem Kurs lernen.

Macht es einen Unterschied, ob es sich um einen Hund oder beispielsweise um ein Meerschweinchen handelt? 

Goebbels: Die Größe schränkt einen natürlich ein in dem, was man tun kann. Je kleiner das Tier, umso schwieriger ist die Behandlung. Das trifft auch auf Untersuchungen zu. Man kann aber vieles auch beim Meerschweinchen machen. Es sind einfach zwei verschiedene Tierarten. Man nehme nur den Verdauungsapparat, der natürlich bei einem Meerschweinchen komplett anders funktioniert, als beim Hund.

Kann man bei einem so kleinen Tier überhaupt Hilfe leisten? 

Goebbels: Bei Kleintieren ist das schon sehr schwierig. Je kleiner sie sind, desto schneller bricht der Kreislauf zusammen. Ist ein Meerschwein bewusstlos, dann könnte es schon zu spät sein.

Was ist das Wichtigste, um seinem Tier in der Not helfen zu können? 

Goebbels: Ruhe bewahren. Wenn sich das Tier in einer Notsituation befindet, ist man selbst auch in einer Ausnahmesituation. Adrenalin wird ausgeschüttet und man selbst muss erst einmal runterkommen. Logisch ist auch, wenn der Hund nach einem Verkehrsunfall auf der Straße liegt, dann sollte man nicht direkt hinterherrennen. Dann gilt: Das Tier und sich selbst aus der Situation herausholen und sich erst dann um die Erste Hilfe kümmern.

Sie bieten in Ihrer Praxis Erste-Hilfe-Kurse an. Worum geht es da in erster Linie? 

Goebbels: Um Leben und Tod. Wir bereiten die Tierhalter auf akute Situationen vor, aber auch auf vermeintliche Notfälle wie zum Beispiel eine Zecke. Das wird von vielen Tierbesitzern als Notfall gesehen, ist aber in der Regel keiner. Da kann man zur Not auch noch das Wochenende abwarten und am Montag zum Tierarzt gehen. Beim Erste-Hilfe-Kurs werden die Tierhalter also für tatsächliche Notsituationen sensibilisiert.

Tipps vom Tierarzt

Was kann ich tun, wenn mein Tier bewusstlos ist? 

Erst einmal gilt es zu prüfen, ob das Tier noch atmet. Wenn es nicht atmet, muss ich beatmen. Dann kommt bei einem Hund die Mund-zu-Nase-Beatmung infrage. Ich muss Luft in die Nase pusten, damit Sauerstoff den direkten Weg in die Lunge findet. Auch muss ich schauen, warum das Tier nicht atmet. Dazu muss man in die Schnauze schauen. Dabei ist Vorsicht geboten. Denn wenn sich der Hund in einer Stresssituation befindet, dann kann er auch beißen. Wenn die Atmung frei ist, dann schaut man sich den Kreislauf an: Schlägt das Herz und wie schnell schlägt es?

Was mache ich, wenn das Tier etwas verschluckt hat? 

Das kommt darauf an, wo das verschluckte Teil steckt. Ist es im Magen, dann hilft nur der Tierarzt. Aber wir hatten auch schon Hunde, die ein halbes Brötchen am Gaumen kleben hatten. Da trauen sich Tierbesitzer häufig nicht, in den Mund zu greifen. Da ist dann die Frage, was traut man sich selbst zu. Auch kommt es auf den Fremdkörper an, was getan werden muss: Muss ich ihn rausholen oder kann ich sogar warten, bis es hinten rauskommt, muss ich den Hund erbrechen lassen oder braucht es eine OP? Diese Entscheidung sollte der Tierarzt treffen.

Was kann ich bei einem vermeintlichen Bruch tun?

 Auch das kann man im Erste-Hilfe-Kurs üben. Wenn ein Bruch vorliegt, dann zeigt der Hund eine hochgradige Lahmheit, also er belastet beispielsweise den Fuß in der Regel gar nicht mehr. Wenn man den Bruch auch fühlen kann, dann kann man einen Schienenverband anlegen. Dafür gibt es verschiedene Methoden, mit Holzpflock oder einer eingerollten Zeitung, die man dabeihat. Grundsätzlich kann man sagen, was im Auto im Verbandskasten ist, kann man auch für den Hund einsetzen.

Zur Person

Dr. Michael Goebbels (41) hat an der Freien Universität Berlin studiert und praktiziert seit zwölf Jahren als Tierarzt. Seit drei Jahren hat er eine Praxis in Oberkaufungen. Mit seiner Frau und zwei Kindern lebt er in Kaufungen.

Das sagt die Notärztin: „Das erste Mal“

Die Ärztin Nasrin Scharif (44) ist Anästhesistin am Klinikum Kassel und war bei dem Brand des Wohnhauses in Vellmar-Frommershausen am Mittwochmittag als Notärztin im Einsatz. Dort leistete sie bei einem Hund Erste Hilfe (HNA berichtete). Auf HNA-Anfrage berichtet sie, es sei das erste Mal gewesen. Dass sie dem Hund half, sei nur infragegekommen, weil keine Menschen notärztliche Betreuung gebraucht hatten – diese hätten Vorrang gehabt. „Die Besitzer sagten, ihr Hund sei noch im Haus, und die Feuerwehr suchte nach ihm. Wir dachten schon, dass er das nicht überlebt. Aber als der Feuerwehrmann den Hund auf der Wiese ablegte, regte er sich. Wir legten ihn auf die Trage und versorgten ihn mit einer Sauerstoffmaske – so wie man das auch bei einem Menschen macht, wenn er eine Kohlenmonoxidvergiftung hat. Weil die Maske für Menschen angelegt ist, hielten wir sie vor die Schnauze. Der Hund wurde immer munterer, vor allem, als das Frauchen dann hinzukam. Die Eigentümer haben ihn dann zum Tierarzt gebracht.“ (ali)

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