Skurrile Details bei der Sanierung 

Jesus wandert durch die Kaufunger Stiftskirche

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Jesus am Boden: Das Kruzifix von 1978 ist ein Auftragswerk der Kirchengemeinde. Für die Bauarbeiten musste es abgenommen werden und liegt derzeit an einer sicheren Stelle der Kaufunger Stiftskirche. 

Kaufungen. Ein Lichtschalter, an den keiner herankommt, und ein Kruzifix, das auf dem Boden liegt: In der Kaufunger Stiftskirche ist gerade einiges anders als im Gotteshaus üblich.

Der wandernde Jesus

Er habe nie einen prominenten Platz gehabt, der Jesus am Kreuz, sagt Dekanin Carmen Jelinek auf Nachfrage der HNA. Zuletzt hing er am rechten Seitenschiff der Kirche, denn im Bereich des Altars gebe es schon genug Kreuze: Am Steinaltar, an der Decke und am Holzaltar. „Weniger ist mehr.“ Während der Bauarbeiten in der Kirche liegt er nun, versteckt hinter Baumaterial, auf dem Boden. Aktuell ist sein Platz die hintere Ecke des rechten Seitenschiffs – hier sei er geschützt, so Jelinek.

Die Gemeinde hatte das Kruzifix in Auftrag gegeben, es ist von 1978. Auf die Frage, ob es denn schwierig sei, den Jesus von der Wand abzuhängen und auf den Boden zu legen, antwortet die Dekanin: „Als Evangelische sind uns Kunstwerke wichtig. Wir verehren das Kreuz aber nicht als Reliquie.“ Das Kreuz sei ein wichtiges Symbol, aber es müsse nicht unbedingt dieses Kreuz sein. Ob das Kruzifix einen neuen Platz bekommt, entscheide sich noch. Vermutlich werde es aber wieder an dieselbe Stelle gehängt.

Der Lichtschalter

Für die einen ist es ein ganz gewöhnlicher Lichtschalter – für den Fuldaer Architekten Martin Burischek ist er ein wichtiges baugeschichtliches Merkmal. Der Architekt hat sich auf Denkmalpflege, -sanierung und -restaurierung spezialisiert. Von Beginn an war er auch in die Sanierung der Stiftskirche involviert.

„Jedes Bauvorhaben in der Denkmalpflege ist etwas Besonderes“, sagt er. Dass scheinbar banale Dinge für seine Arbeit wertvoll sind, zeigt der Lichtschalter, der in luftiger Höhe an der Wand vor der ehemaligen Kaiserempore hängt. Anhand des Schalters habe man die Höhe der Empore, auf der einmal die Orgel stand, rekonstruieren können. So gesehen, gab der Schalter einen Hinweis auf die damalige Gestaltung des Innenraums dieses hinteren Bereichs der Stiftskirche.

Der vergessene Putz

Noch spannender allerdings war für Burischek ein Putz, den er im Gewölbe hinter der Kaiserempore gefunden hat. Die Sorte des Baustoffs – Kalkputz – sei keine besondere, denn bis Mitte des 20. Jahrhunderts war Kalkputz traditionelles Baumaterial.

Aber der Putz, der an dieser Stelle keine Funktion hat, lässt auf die damalige Arbeitsmoral schließen. Offenbar habe man den Putz schlichtweg vergessen. „Das konterkariert den Perfektionsanspruch der Neuzeit, dass alles sauber, gerade und perfekt sein muss.“ Der Putz muss an die Wand gekommen sein, bevor die Tür geschlossen wurde. So gesehen sei der Fund des Putzes auch ein „baugeschichtlicher Gewinn“. Derzeit wird daran gearbeitet, die zugemauerten Bögen wieder freizuschlagen und zwischen Herrenhaus und Stiftskirche einen neuen Eingang zu schaffen.

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