Neuer Verein

Aus Liebe zum Fachwerk: Kaufunger bauen Scheune im Ortskern ab

Freuen sich über weitere Helfer: John Philipp Leszner (von links), Silke Does, Karen Helbig, Florian Hönig und Dieter Schmeltzer vom Fachwerkverein Kaufungen bauen eine historische Scheune in Oberkaufungen ab und an anderer Stelle wieder auf. Fotos: Lischper

Kaufungen. In Kaufungen hat sich ein Fachwerkverein gegründet, der das Ziel hat,  historische Bausubstanz zu erhalten. Sein erstes Projekt: Eine Fachwerk-Scheune abbauen.

Seit Anfang März stapeln sich im Gebinger Weg in Oberkaufungen die Steine einer alten Mansardenscheune. Danach sind die Ziegel an der Reihe und letztlich die Balken. Der Grund: Die Fachwerkscheune wird abgebaut, gelagert und demnächst an anderer Stelle wieder aufgebaut. Am Ende soll daraus eine Anlaufstelle für Fachwerkbesitzer werden - und solche, die es werden wollen. Das ist der Plan des neu gegründeten Fachwerkvereins Kaufungen.

Bald sieht man nur noch ihren Grundriss auf dem Boden: Die Fachwerkscheune wird abgebaut.

Zimmermeister, Architekten, Fachwerkliebhaber - im Fachwerkverein treffen all diese Personen aufeinander. Gemeinsam wollen sie für den Erhalt des Fachwerks kämpfen. Der Kauf der Scheune und deren Abbau ist die erste große Tat der Ehrenamtlichen, die zugleich die Basis der Vereinsarbeit bieten soll. Denn die wieder aufgebaute Scheune soll künftig Materialbörse, Beratungsstelle und Tagungsort sein. Verein und Gemeinde wollen hier zusammenarbeiten, sagt Bauamtsleiter Jürgen Christmann, der eine Schnittstelle zwischen Ehrenamtlichen und Verwaltung bildet.

Fachwerk hält bis 500 Jahre

Der Verein sei eine Form der Nachbarschaftshilfe, sagt der Kaufunger Architekt Florian Hönig, der auch in den Vorstand gewählt wurde. Innerhalb des Ortes gebe es seit Langem Menschen, die sich bereits mit Fachwerk befasst haben und mit ihrem Wissen anderen helfen können.

Fachwerk bezeichnet der Architekt als heikles Thema, bei dem Laien vieles falsch machen könnten.

Man könne in alter Bausubstanz gut leben - „Fachwerk sieht nicht nur schön aus, sondern ist auch eine gesunde Bauart, weil mit historischen Materialien wie Holz, Lehm und Kalkputz gearbeitet wurde“. Dafür müsse es aber gut zurechtgemacht sein. Hönig rechnet vor: Ein normales Haus habe eine Halbwertszeit von etwa 25 Jahren. Danach müsse oft ein größerer baulicher Eingriff vorgenommen werden. Ein Fachwerkhaus hingegen könne bis zu 500 Jahre alt werden.

Leerstand vorbeugen

Dass historisches Material wiederverwendet werden kann, zeigt der Fachwerkverein mit dem Abbau der Scheune. Etwa 400 Arbeitsstunden brauche man dafür. So wie das Material zur Lagerung zurechtgemacht werde, habe man das auch für die Materialbörse vor. Historische Baustoffe wie Altholz, Türen und Fenster sollen darin zur Wiederverwendung gelagert werden. In Seminaren werde schließlich der Umgang mit dem Material vermittelt.

Großes Ziel des Fachwerkvereins ist es, die historischen und teils denkmalgeschützten Immobilien zu erhalten. Leerstand sei derzeit kein Problem, sagt Hönig. Da habe man das Glück, zum Speckgürtel von Kassel zu gehören: „Es gibt Gegenden, wo die Denkmalpflege einem Abriss zustimmt, um dem demografischen Wandel entgegenzuwirken.“

Kurzreportage

Florian Hönig, Architekt und Vorstandsmitglied des Fachwerkvereins, steht vor der Scheune, aus der man lautes Hämmern hört. „Bislang haben wir nur einen faulen Riegel gefunden“, sagt er. Der Rest sei noch in sehr gutem Zustand.

In der oberen Etage schaut ein Mann zwischen zwei Balken hindurch. Mit einem Hammer schlägt er die Lehmsteine aus dem Gefache heraus. Er ist einer von sechs Mitarbeitern der Kaufunger Lehmbaufirma Talis. Deren Chef, John Philipp Leszner, der auch Mitglied im Fachwerkverein ist, nutzt eine Baupause seiner Firma, um mit seinem Team die Gefache zu entkernen - ehrenamtlich.

Im Erdgeschoss der Scheune sieht man bereits das Ergebnis eines Tages: ein großer Haufen Steine, die im nächsten Schritt vom Putz befreit werden müssen. „Dazu suchen wir noch Trümmerfrauen“, sagt die zweite Vorsitzende Silke Does. Damit sie im Anschluss zur Lagerung gestapelt werden können.

Der Weg zu den oberen Geschossen ist staubig und steinig. Im ersten Stockwerk sind zwei Mitarbeiter damit beschäftigt, lose Steine zu stapeln.

Im Dachgeschoss ist erkennbar, was die Ehrenamtlichen bereits geleistet haben: Sämtliche Gefache sind bereits entkernt. „Das ist alles heute passiert“, sagt Does. Ist die Entkernung abgeschlossen, werde man mit Dachdeckern die Ziegel abnehmen, reinigen und ebenfalls stapeln. Erst dann können auch die Balken nach und nach abgebaut werden.

Damit die Scheune am neuen Standort wieder genauso aufgebaut werden kann wie am jetzigen, werden die einzelnen Teile dann mit Plastikplättchen markiert, erklärt Vereinsmitglied Dieter Schmeltzer, der täglich auf der Baustelle ist. Wer zu welcher Zeit hier war, wird auf Listen am Eingang dokumentiert. Daneben hängen Bauzeichnungen vom Gebäude. Schon bald wird an dieser Stelle in Oberkaufungen nur noch der Grundriss der Scheune zu erkennen sein.

Hintergrund

Der Fachwerkverein Kaufungen ist der einzige im Altkreis Kassel, der sich ausschließlich um Fachwerk kümmert. Für den Abbau der Scheune suchen die Mitglieder noch Helfer.

Infos und Kontakt: Bärbel Schmeltzer, Tel. 05605/2459 und über

fachwerkverein-kaufungen@gmx.de

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