A44: Karte aus den 1930ern zeigt geplante Verbindung Kassel-Eisenach

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Historisches Dokument: Wolfgang Matzke (92) aus Fuldatal mit der 80 Jahre alten Karte, die er von seinem Vater geerbt hat. Die gestrichelte Linie zeigt die Autobahn durch die Söhre. Sie wurde kriegsbedingt nicht verwirklicht.

Kreis Kassel. Die rot gestrichelte Linie, auf die Wolfgang Matzke mit dem Finger deutet, führt von Kassel kommend an Dörnhagen vorbei durch die Söhre nach Fürstenhagen und Waldkappel und dann immer weiter in Richtung Osten.

„Festgelegte Streckenführung“ steht in der Legende der uralten „Standard-Luftbildkarte Rund um den Harz“, die der 92-Jährige einst von seinem Vater erhalten hat. „Es ist doch schon kurios, dass man auf dieser Autobahn noch immer nicht bis nach Eisenach durchfahren kann“, sagt der Rentner aus Fuldatal und schmunzelt.

Er spielt damit auf die Tatsache an, dass zumindest in dem Abschnitt der Autobahn 44 zwischen Kassel und Helsa bis heute noch nicht gebaut wird. Nicht einmal eine festgelegte Trasse gibt es, sondern lediglich eine Vorzugsvariante des Landes: Sie sieht vor, die A 44 durch das Lossetal zu führen. Für den gebürtigen Dresdener Matzke, der nach dem Studium in West-Berlin viele Jahre als Diplom-Kaufmann bei Henschel in Kassel arbeitete, dokumentiert die alte Karte eindrucksvoll, dass man auch nach Jahrzehnten in Sachen Autobahnbau kaum vorangekommen ist.

Denn die Übersicht stammt aus dem 1930er-Jahren, ist also 80 Jahre alt. Matzkes Vater, ein selbstständiger Kaufmann, erhielt diese und weitere Karten im Frühjahr 1939 als Zugabe beim Kauf eines Hanomag-Personenwagens.

Das war ein halbes Jahr vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, der den Autobahnbau Kassel-Eisenach, offiziell als „Strecke 78“ bezeichnet, jäh stoppte. Weil dennoch mit Ausnahmegenehmigungen zunächst weitergearbeitet werden konnte, ist heute in der Söhre noch ein Bauwerk des Mammutprojekts zu besichtigen. Im Wald bei Wellerode steht eine Brücke aus Beton. Wer von dem mit Natursteinen verblendeten Klotz in Richtung des heutigen Autobahndreiecks Kassel-Süd schaut, kann sogar noch erkennen, dass der Wald für die Reichsautobahn bereits gerodet war. Die Karte von Wolfgang Matzkes Vater muss allerdings deutlich vor dem Autokauf der Familie im Frühjahr 1939 erschienen sein - wahrscheinlich sogar bereits in der ersten Hälfte der 1930er-Jahre. Denn auf dem Plan ist auch die Autobahn Kassel-Göttingen, heute Teil der durch ganz Deutschland führenden A 7, nur rot gestrichelt eingezeichnet. Die Verbindung wurde allerdings schon am 20. Juni 1937 von Kassels Nazi-Gauleiter Karl Weinrich eröffnet.

4000 Arbeiter hatten das erste Großprojekt der Nazis in der Region mit Hacke und Schippe aus dem Boden gestampft. Und im Dezember 1937 rollten dann die ersten Wagen auf der Autobahn zwischen Kassel und Homberg/Efze. Auf dem Plan von Wolfgang Matzke besteht auch sie nur aus einer rot gestrichelten Linie.

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