Feuchtwarmes Wetter schlug sich negativ auf Getreidequalität nieder

Landkreis Kassel: Ernte lief ungewöhnlich schlecht

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Abgeerntete Felder bei Kaufungen: „Wer bis Mitte August sein Korn nicht gedroschen hat, wird vielfach nur noch Futter- statt Brotgetreide anbieten können“, lautet das Fazit von Erich Schaumburg, Vorsitzender des Kreisbauerverbandes.

Kreis Kassel. Mit einem ungewöhnlich schlechten Erntejahr 2016 haben es die Landwirte im Landkreis Kassel zu tun.

„Bis zu 7,5 Prozent liegen die Ernteerträge unter dem langjährigen Mittel“, sagt Erich Schaumburg, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes.

Damit schneidet die Region sogar noch schlechter ab als im Landesdurchschnitt mit einer rund sechsprozentigen Ertragseinbuße.

Verschärft wird die Situation durch weiter sinkende Marktpreise für Getreide. Seit etwa vier Jahren fallen sie unentwegt. Gab es 2013 für 100 Kilogramm Weizen noch 20 Euro, sanken die Preise in den Jahren 2014 und 2015 auf zunächst 15, dann auf 14 Euro pro 100 Kilogramm ab. „In diesem Jahr werden sie sich bei 11 bis 13 Euro einpendeln“, sagt Schaumburg. Um gut leben und arbeiten zu können, müsse der Preis jedoch deutlich oberhalb der 15-Euro-Marke liegen. Einziger Trost: Die Kosten für Kraftstoff, Pflanzenschutz- und Düngemittel sind im Vergleich zu 2015 nahezu gleich geblieben. Dennoch seien die aktuellen Erzeugepreise vor allem für Getreide nicht kostendeckend.

Korn keimte am Halm

Hauptursache für die schlechte Ernte sei das Wetter gewesen. „Das Frühjahr war nass und kühl, der Sommer war ebenfalls zu feucht, die Sonne schien zu wenig.“ Im Ergebnis habe die Ertragsmenge wie auch die Qualität vor allem bei Getreide und Raps erheblich gelitten. „Trotz lokaler Unterschiede stimmen Eiweiß- und Feuchtigkeitsgehalt oft nicht. Hinzu kommt, dass vielerorts wegen der feuchtwarmen Witterung das reife Korn auf dem Halm schon wieder aufkeimte, was einen erheblichen Qualitätsverlust darstellt“, sagt Schaumburg.

Erich Schaumburg

Nicht zuletzt habe das unbeständige Wetter der vergangenen Wochen vielerorts zu großem Zeitdruck bei der Ernte geführt. „Wer bis spätestens Mitte August seine Feldfrüchte nicht eingefahren hat, wird statt Brotgetreide oft nur noch Futtergetreide anbieten können - und das wiederum zu einem um mindestens zehn Prozent niedrigeren Preis“, sagt Schaumburg. „Da sind so manchem Landwirt schon die Tränen gekommen.“

Weiterhin stark in Bedrängnis seien die Milchbauern. „Auch wenn 2016 eine Mahd mehr drin war, das Grünfutter ist von schlechterer Qualität, sodass Milchkühe dafür umso mehr fressen müssen“, sagt Schaumburg. Der aktuelle Milchpreis bei rund 20 bis 23 Cent pro Liter sei nach wie vor kaum akzeptabel. 40 Cent pro Liter seien erforderlich, um auch künftig in Technik und Ausstattung investieren zu können. „Die Milchbauern leben momentan von der Substanz, sie zehren ihr Vermögen auf.“

Brot verteuert sich nicht

Unter dem Strich zeige das Erntejahr 2016 die große Abhängigkeit der Landwirtschaft von natürlichen Bedingungen. „Selbst beste Technik kann schlechte Witterung nicht auffangen“, sagt Schaumburg. Trotz schwacher Erträge dürften die Brotpreise aber nicht steigen. „Die Getreidepreise sind so niedrig, dass eine Verteuerung von Brot durch nichts zu rechtfertigen wäre.“

Hintergrund: 17.500 Euro weniger Umsatz für einen Durchschnittsbetrieb

Wie hart ein schlechtes Erntejahr wie 2016 Landwirte treffen kann, zeigt folgendes Beispiel. Angenommen wird ein 50-Hektar-Betrieb in Nordhessen, der vor allem Getreide angebaut hat. Die Energiekosten sowie die Kosten für Pflanzenschutz und Dünger halten sich 2016 stabil. Jedoch sorgt schlechtes Wetter für einen etwa 7,5 Prozent geringeren Ertrag. Zusätzlich sinken die ohnehin schon niedrigen Marktpreise für Getreide um weitere 20 Prozent. „Das macht einen Verlust von etwa 350 Euro pro Hektar“, sagt Erich Schaumburg, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes. Umgerechnet auf die Gesamtfläche ergebe das 17.500 Euro weniger Jahresumsatz für den Betrieb, also fast 1500 Euro weniger pro Monat. Schaumburg: „Das sind etwa 10 bis 15 Prozent weniger als das normale Umsatzniveau. Auf die Dauer hält das kein landwirtschaftlicher Betrieb durch.“

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