Fragen und Antworten

Kreis Kassel: Wer trägt das Risiko beim Breitbandausbau?

+
Schnelles Internet: 2700 Kilometer Glasfaserkabel will die Breitband Nordhessen im Zuge des Breitbandausbaus bis Ende 2019 verlegen. Unser Symbolbild zeigt einen Verteilerpunkt, in dem zahlreiche Glasfaserkabel unter anderem zur Übertragung von Hochgeschwindigkeitsinternet zusammenlaufen.

Kreis Kassel. Der Ausbau des Breitbandnetzes Nordhessen beginnt. Viele Millionen Euro werden zur Realisierung des öffentlich geförderten Projektes aufgewendet.

Ziel ist es, vor allem dort Breitband-Infrastruktur zu schaffen, wo sich bislang wegen schlechter Gewinnerwartungen kein Kommunikationsunternehmen hingewagt hat - aufs Land. Doch werden es die Breitband Nordhessen als Netzeigentümerin und die Netcom Kassel als Netzbetreiber schaffen? Hierzu Fragen und Antworten:

Wie viel Geld fließt in das Breitband-Projekt?

Insgesamt 179 Millionen Euro. Davon werden von der Wirtschafts- und Infrastrukturbank Nordhessen 143 Mio. Euro als ein vom Land verbürgtes Darlehen bereitgestellt. Das Geld fließt weitgehend in den Bau des Glasfasernetzes. Weitere 36 Mio. Euro wendet der künftige Netzbetreiber, die Netcom Kassel, für Technik, Vertrieb, Verwaltung und Vermarktung auf.

Werden die fünf Landkreise Nordhessens als Gesellschafter der Breitband Nordhessen auch zur Kasse gebeten? 

Ja, mit 27,5 Mio. Euro. Das Geld dient der Eigenkapitalisierung des Darlehens. Der Landkreis Kassel ist mit 3,8 Mio. Euro dabei, der Schwalm-Eder-Kreis zahlt mit 8,8 Mio. Euro am meisten. Grund: Dort ist die Ausbauintensität am größten.

Welches Risiko gehen die Landkreise damit ein?

Kathrin Laurier

„Ein geringes“, sagt Landkreissprecher Harald Kühlborn. Das Geld aus der Eigenkapitalisierung werde zurückgezahlt, sobald die Breitband Nordhessen Pachteinnahmen vom Netzbetreiber Netcom erhalte. „Und wenn das nicht klappt,bürgt das Land für die Ausfälle.“

Wird über die Pachteinnahmen letztlich auch das Landesdarlehen zurückgezahlt? 

Ja. „Die Breitband Nordhessen als Eigentümerin verpachtet ihr Netz an die Netcom, um mit den Erlösen die Investitionen zu amortisieren“, sagt Kathrin Laurier, Geschäftsführerin der Breitband Nordhessen. Vertraglich veranschlagt sind dafür 20 Jahre, optional 25 Jahre.

Wie will die Netcom das schaffen? 

Frank Richter

„Bei 206 000 im Ausbaugebiet erreichbaren Kunden rechnen wir langfristig mit einem Marktanteil von 44 Prozent“, sagt Netcom-Geschäftsführer Frank Richter, „bei den Geschäftskunden mit 60 Prozent Marktanteil bei erreichbaren 29 000 Betrieben.“ Zudem sollen Teile des Netzes an andere Anbieter weitervermietet werden, um auch hierüber Einnahmen zu erwirtschaften.

Wer zahlt die Zeche, falls die Rechnung nicht aufgeht? Am Ende der Steuerzahler? 

Die Netcom ist - wie auch ihre Gesellschafter, die EAM und die KVV, - zunächst eine GmbH, also ein Wirtschaftsunternehmen und keine Gebietskörperschaft. „Ein Auffangen von Defiziten über Steuergelder oder Umlagen (Kreisumlage) ist daher nicht möglich“, sagt Richter. „Wenn die Netcom defizitär arbeiten sollte, gibt es für die KVV und die EAM die Möglichkeiten, die Netcom zu verkaufen oder die Insolvenz festzustellen.“ Bei einer Insolvenz jedoch würden die Pachtzahlungen ausbleiben, sodass die Landesbürgschaft (also öffentliches Geld) greifen müsste, um die Baukosten zu refinanzieren.

EAM und KVV könnten aber auch weiter Geld in die Netcom stecken? 

Ja, auch das wäre möglich. Beide Unternehmen betreiben lukrative Geschäftsfelder, aus denen Gewinne zur Unterstützung einer möglicherweise defizitären Netcom abgezogen werden könnten. Hier trifft es dann schon eher zu, dass solche Umschichtungen zulasten der öffentlichen Hand gehen. Beispiel KVV: Sie ist eine 100-prozentige Tochter der Stadt Kassel. Und bei der EAM sind es 126 Anteilseigner, darunter zwölf Landkreise und die Stadt Göttingen. Eine Umschichtung würde zwar von vielen Schultern getragen werden. Die Gewinnbeteiligungen für die Kommunen und Landkreise fielen dann aber geringer aus, was wiederum über Steuer- oder Umlagenerhöhungen aufgefangen werden könnte.

Wird das Geschäftsmodell der Netcom aufgehen?

„Jeder Millimeter Glasfaserkabel, der jetzt vergraben wird, wird sich rechnen“, ist sich Richter sicher. Breitband sei definitiv eine sichere Investition in die Zukunft. Dabei werde die Netcom kein Preisdumping veranstalten, sondern dem Preisniveau der Mitbewerber folgen. „Natürlich wollen wir dabei immer ein bisschen besser sein.“ Mit der ersten Gewinnausschüttung an die Gesellschafter rechnet Richter im Jahr 2019.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.