„Einhämmern bringt nichts“

Kreis Kassel: Schulen wehren sich gegen Vorwurf, schlecht auszubilden 

Kreis Kassel. Die Kritik ist nicht neu: Betriebe haben Probleme, Auszubildende zu bekommen und beklagen sich zudem über Bildungsdefizite bei den wenigen Bewerbern.

Jetzt aber hat der Präsident des Industrie- und Handelskammertages, Eric Schweitzer, noch einmal kräftig nachgelegt und den Schulen vorgeworfen, für die mangelnden Deutsch- und Mathekenntnisse der Jugendlichen verantwortlich zu sein.

Das löst bei Schulleitern im Kreis Kassel Kopfschütteln aus. Wolfgang Hartwig, Direktor der Ahnatalschule in Vellmar , hielt einen solchen pauschalen Vorwurf kürzlich für nicht gerechtfertigt. Das belegten nach seiner Ansicht auch die guten Ergebnisse von Schülern bei von der IHK ausgelobten Wettbewerben.

Wolfgang Hartwig

Nach den Erfahrungen des kürzlich in den Ruhestand verabschiedeten Vellmarer Schulleiters liegt das Problem an einer anderen Stelle und kann nur gesamtgesellschaftlich gelöst werden. Die Entwicklungen der vergangenen Jahre hätten das Berufsleben für Schulabgänger nicht sonderlich attraktiv gemacht. Ungeschützte Arbeitsverhältnisse, die Erhöhung des Rentenalters, Verkürzung des Jahresurlaubs und schrumpfende Reallöhne veranlassten viele junge Leute, weiter zur Schule zu gehen, anstatt nach Ende der Gesamtschule eine Ausbildung zu beginnen.

Christine Saure

Entsetzt über die Aussagen des IHK-Präsidenten ist die Leiterin der Integrierten Gesamtschule Kaufungen, Christine Saure. Die Schüler von heute seien nicht schlechter als die von früher, vermisst Saure in der Pauschalkritik der IHK eine differenzierte Betrachtung. Heute würden andere Schwerpunkte in der Bildungspolitik gesetzt, und sie persönlich sei froh, dass man von dem früheren Frontalunterricht weg sei. „Einhämmern bringt nichts“, sagt Saure. Heute hinterfragten die Schüler auch mehr als früher. Zudem bestünden viele Abgänger ihre Prüfungen brillant.

Walter Kayser

Wie ihr Kollege aus Vellmar kommt auch Saure an dieser Stelle auf die gesellschaftlichen Veränderungen zu sprechen und sagt, dass tradierte Erwartungen fehl am Platze seien, und Betriebe stattdessen die Talente der jungen Menschen erkennen und nutzen sollten.

Die Ergebnisse der zentralen Abschlussarbeiten beweisen für Walter Kayser, Direktor der Baunataler Theodor-Heuss-Schule, dass es in den zurückliegenden zehn Jahren keinen signifikanten Leistungsabfall bei Schülern gegeben hat. Für ihn sollte daher ein anderer Bereich mehr Beachtung finden. Viele Jugendliche, so konstatiert Kayser, ließen zunehmend soziale Kompetenz vermissen. Zudem wirke sich der steigende Medienkonsum junger Leute negativ aus. „Jugendliche haben immer weniger Geduld, und das wird sich auch während der Ausbildung zeigen, wenn beispielsweise ein Werkstück erstellt werden muss“, sagt Kayser. Vor dem Hintergrund steigender Migrationszahlen fordert der Schulleiter der THS, für Kinder aus diesen Familien die Ausgangslage zu verbessern. Viele Jugendliche würden sich in den eigenen vier Wänden in ihrer Muttersprache verständigen und nur in der Schule deutsch reden. Das zeige sich natürlich auch in den Leistungen dieser Jugendlichen. Die Kritik der IHK ist indessen auch für Kayser zu pauschal angelegt und hilft nicht weiter.

Rubriklistenbild: © Kühling

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