Landwirte klagen über Ertragseinbußen

Aus Kreisstraßen werden Alleen: Kreis Kassel lässt Hunderte Bäume pflanzen

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Das hätte dem Künstler Joseph Beuys gefallen: Während Beuys der Stadt Kassel in den 80er-Jahren anlässlich der documenta 7000 Eichen als Kunstobjekt geschenkt hat, nutzt der Landkreis die Bäume, um nach dem Ausbau von Straßen die Natur wieder zu verbessern.

Kreis Kassel. Drei Kreisstraßen im Kreis Kassel werden derzeit zu Alleen umgestaltet. Die größte Neuanpflanzung wurde jetzt an der Kreisstraße 6 zwischen Kaufungen und Nieste abgeschlossen.

114 junge Eichen reihen sich dort im Abstand von sechs bis acht Metern aneinander.

Auch an der Kreisstraße 38 zwischen Espenau-Hohenkirchen und Fuldatal-Rothwesten sowie an der Kreisstraße 102 zwischen Wolfhagen und dem Wolfhager Stadtteil Wenigenhasungen werden Bäume gepflanzt. Knapp 78.000 Euro gibt der Landkreis für die Bepflanzung und Pflege der Bäume aus.

Hintergrund der Bepflanzungen sind Arbeiten an den Straßen. Sie erfordern eine Entschädigung der Natur, sagt Kreissprecher Harald Kühlborn. Im Fachjargon „naturschutzrechtliche Ausgleichsmaßnahme“ genannt, soll der Natur damit Natur zurückgegeben werden. „Wir hätten hier auch ein Laichgewässer für Amphibien anlegen können“, erläutert Stefan Nebenführ vom Fachdienst Verkehr und Sport des Landkreises.Die Kreisstraße 6 war bereits im Jahr 2012 verbreitert worden. Dass es bis heute gedauert hat, bis Bäume gepflanzt werden konnten, habe organisatorische Gründe. So habe der Kreis vor der Bepflanzung einen meterbreiten Grünstreifen entlang der ausgebauten Straße erwerben müssen. Da sich aber hier die Grundstücke verschiedener Besitzer, darunter Landwirte, aneinanderreihen, sei das ein langwieriger Prozess. „Landwirtschaftliche Flächen werden knapper, da müssen wir Kompromisse eingehen“, so Nebenführ. Mit etwa 40 Personen habe in diesem Fall verhandelt werden müssen.

Nicht immer seien die Interessen zwischen Naturschutz und Landwirtschaft unter einen Hut zu bringen, sagt Nebenführ. Gerald Gluth, Teamleiter Landespflege von Hessen Mobil, merkt an, dass die Bäume in etwa 50 Jahren eine gewisse Größe erreicht hätten und Schatten auf Teilstücke der Felder werfen. Auch würden die Bäume dem Boden Nährstoffe entziehen. Bei diesen Auswirkungen auf die bewirtschafteten Felder würden die Landwirte abwägen, ob sie einen Teil ihres Grundstücks an den Kreis verkaufen.

Das sagen die Landwirte

„In der Regel geben Landwirte ungern Land ab, weil es die Lebensgrundlage des wirtschaftlichen Betriebes ist“, sagt der Geschäftsführer des Kreisbauernverbands, Rechtsanwalt Reinhard Schulte-Ebbert. Die Entscheidung sei im Einzelfall abhängig vom straßenrechtlichen Verfahren.

Die Notwendigkeit von Alleen sieht Schulte-Ebbert nicht: „Wenn schon Bäume pflanzen, dann wenigstens nur auf einer Straßenseite.“ So würden die Einbußen der Landwirte geringer gehalten. Diese seien zwar abhängig von der Baumart – Obstbäume wüchsen lichter als beispielsweise Ahorne – einige Nachteile träfen aber auf alle Baumarten zu. So entzieht der Baum dem Boden in einem Umkreis von bis zu zehn Metern Wasser und Nährstoffe, werfe Schatten auf das Feld und sorge damit für Ertragseinbußen. So sei bei Mais oder auch Getreide sichtbar, dass Flächen nahe dem Baum schlechter wachsen.

Schulte-Ebbert gibt zu bedenken, dass die Landwirte sich mit der Abgabe von Land einen Teil ihrer Existenzgrundlage entziehen. Auch sorgten die Bäume teils für erhöhte Unfallgefahr: „Wenn ich vom Feld herunterfahren will, dann ist die Straße nicht einsehbar.“

Der Rechtsanwalt verweist auf den Spielraum, den der Kreis für Ausgleich hat. Beispiel Gewässeraufwertung: „Man könnte doch auch in der Losse eine Fischtreppe anlegen.“ Er wünscht sich zudem, dass die Landwirte stärker in die Planung von Alleen einbezogen werden.

Das sagt die Polizei

Aus polizeilicher Sicht sei die Anpflanzung von Alleen ein schwieriges Thema, sagt Polizeisprecher Matthias Mänz auf HNA-Anfrage. Komme ein Autofahrer von der Straße ab und fahre gegen einen Baum, könnten die Auswirkungen schlimmer sein, als wenn er auf dem Feld lande. Grundsätzlich werde die Polizei aber in die Planung von Alleen nicht einbezogen. „Wir sind nicht kategorisch dagegen“, sagt Mänz. Handle es sich bei der betroffenen Straße um einen Unfallschwerpunkt, müsse man im Einzelfall entscheiden.

Hintergrund: Alleen sind gefährdet

Die Zahl insbesondere alter Alleen nimmt stetig ab. Im April 2002 hatte deshalb der Kreistag beschlossen, dass bei Straßenbaumaßnahmen vorhandene Alleen ergänzt werden und, wenn möglich, neue geschaffen werden. Die Gesamtlänge aller Kreisstraßen im Landkreis Kassel beträgt rund 315 Kilometer. Die Gehölzflächen im Straßenrandbereich, an Radwegen und zu Anliegergrundstücken ergeben eine Länge von 307 Kilometern. Etwa 5300 Einzelbäume stehen derzeit an Kreisstraßen. In die Unterhaltung der Bäume steckt der Landkreis nach eigenen Angaben etwa 35.000 Euro im Jahr.

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