Als die Strahlenwolke aus Tschernobyl zu uns kam

Etwa fünf Monate nach der Reaktorkatastrophe entstand dieses Bild von den Reparaturarbeiten am explodierten ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl. Am 26. April 1986 war es dort zum sogenannten „Super-GAU“ gekommen, also dem „größten anzunehmenden Unfall“, der zudem mit einer unkontrollierten Freisetzung großer Mengen radioaktiven Materials einherging (was für „Super“ steht). Foto: epa/tass

Ein Experte berichtet, wie er vor 30 Jahren die radioaktive Belastung im Raum Kassel durch Tschnernobyl erlebte

Kreis Kassel. Noch gut kann sich Bernd Florschütz an die Tage erinnern, an denen er unentwegt Luftproben nahm. Der Fachmann in Sachen Strahlenschutz, schon damals für die Hessische Landesanstalt für Umwelt mit Labor an der Ludwig-Mond-Straße in Kassel tätig, war dabei, als am 1. Mai 1986 die strahlende Wolke aus Tschernobyl Hessen erreichte.

Er und seine Kollegen wussten nur Ungefähres. Von der Reaktor-Katastrophe hatte Florschütz am 29. April aus der Tagesschau erfahren - auch, dass der Wind bald von Osten kommen würde. „Wir hatten für diesen Fall keinerlei Anweisungen, wir fingen einfach an zu messen“, sagt Florschütz.

WIND KAM VON OSTEN

Zunächst zeigten die Messgeräte für das radioaktive Iod- 131 - eine typische Reaktorsubstanz - gar nichts. Dann, am 1. Mai, ging es los - 12 Uhr mittags 0,6 Becquerel, 15.50 Uhr 1,4 Becquerel, 19.46 Uhr 2,3 Bequerel pro Kubikmeter Luft. Die Wolke war da.

Becquerel umschreibt, wie radioaktiv etwas ist (siehe Information). In den nächsten Stunden und Tagen schwankten die Werte, die Spitze der Strahlenbelastung stellte sich Tags darauf ein, am 2. Mai, einem Freitag, das Wetter war gut. „19,7 Becquerel pro Kubikmeter Luft, das ist schon viel, aber als Strahlenschutzfachkraft habe ich schon mit deutlich höherer Aktivität zu tun gehabt“, sagt Florschütz. Hinzu kam: Grenz- und Richtwerte für solche Situationen gab es noch nicht, die kamen erst nach Tschernobyl.

Inzwischen arbeitete sein Team im Schichtbetrieb. Messen, analysieren, dokumentieren. Das Land Hessen hatte ein Sofortmessprogramm aufgelegt. So etwas wie Wissenschaftsroutine stellte sich jetzt ein.

STARK STRAHLENDER REGEN

Doch dann, am Sonntag, 4. Mai, kam mit dem Regen die Nervosität. Der Niederschlag wusch die Radioaktivität aus der Luft heraus. 6159 Becquerel pro Liter Regenwasser durch Iod-131. Auch beim radioaktiven Cäsium gab es hohe Werte.

„Da begann ich erstmals unruhig zu werden und fragte mich, wie sich das Ganze weiter entwickeln würde“, sagt Florschütz. Die Zeit danach war turbulent, obwohl die Werte wieder sanken. Das Iod- 131 war weitgehend zerfallen, das viel langlebigere Cäsium hatte sich im Boden verteilt.

„Die Leute riefen bei uns an, und fragten, ob sie ihre Grüne Soße noch essen dürften, oder ihren Joghurt“, sagt Florschütz. Tatsächlich hatte das Land Hessen inzwischen „Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz der Bevölkerung“ ausgesprochen. Teilweise wurden Spielplätze, Sport- und Freizeitanlagen geschlossen, Kühe durften nicht mehr ins Freie.

ENTWARNUNG MITTE MAI

Doch Mitte Mai war der Spuk wieder vorbei, das Land lockerte die Maßnahmen. „Im Nachhinein betrachtet hatte es nie einen Grund zur Panik gegeben“, sagt Florschütz. Das, was im Mai 1986 rund um Kassel passiert sei, habe stets sehr weit unter Katastrophenniveau gelegen, „obwohl die Ursache selbst eine Katastrophe war“.

KATASTROPHE BLIEB AUS

Dann wird Florschütz noch einmal wissenschaftlich und spricht von Sievert, einer Einheit für die Strahlendosis und ihre schädigende Wirkung auf den Menschen. „Die gesamte Strahlendosis, die wir hier durch Tschnernobyl abbekommen haben, liegt bei etwa 0,11 Millisievert für das ganze Jahr 1986. Zum Vergleich erhalten wir jährlich eine Dosis von 2 Millisievert Strahlen allein aus natürlichen Quellen, also deutlich mehr. Aus Strahlenschutzsicht hat es also für uns hier nie eine wirkliche Gefährdung durch Tschernobyl gegeben.“

Hintergrund: Strahlung wie bei Langstreckenflug

Laut Strahlenschutzverordnung darf eine Person, die aus beruflichen Gründen mit radioaktiver Strahlung zu tun hat, maximal einer Dosis von 20 Millisievert in einem Jahr ausgesetzt sein. Dazu zählen zum Beispiel Personen, die mit Röntgengeräten arbeiten oder Menschen, die beim Fliegen kosmischer Höhenstrahlung ausgesetzt sind (Piloten und Flugbegleiter).

So bekommt ein Fluggast bei einem Flug von München nach Japan bis zu 0,1 Millisievert ab. Das entspricht in etwa der Strahlendosis, die die Menschen in Hessen durch Tschernobyl im gesamten Jahr 1986 erhalten haben. (bon)

Information: So gefährlich ist Radioaktivität

Ein Becquerel (Bq) ist die Maßeinheit für die Aktivität einer radioaktiven Substanz. Ein Becquerel entspricht dem Zerfall eines Atomkerns pro Sekunde. In der EU gilt für das radioaktive Cäsium in Lebensmitteln ein Grenzwert von 600 Bq pro Kilogramm, in Säuglingsnahrung und Milchprodukten dürfen 370 Bq nicht überschritten werden. „Am 6. Mai 1986, also zwei Tage nach dem radioaktiven Regen, wurden in Hessen etwa 70 Bq in einem Liter Milch gemessen“, sagt Dr. Thomas Allinger, Abteilungsleiter für Immissions- und Strahlenschutz beim Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. Die Strahlendosis wird in Sievert oder einem Tausendstel davon (Millisievert) angegeben. „Diese Einheit ist ein Maß für die Wirkung radioaktiver Strahlung auf Menschen. Fünf Sievert (5000 Millisievert) führen in 50 Prozent aller Fälle zum Tod. Radioaktivität, wie sie in der Natur überall vorkommt, liefert etwa 2 Millisievert pro Jahr“. (bon)

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