„Was soll ich denn im Wald?“

Interview mit Jugendpfleger Daniel Klein über Ferienspiele

Kreis Kassel. Nicht jedes Kind kann in den Sommerferien in den Urlaub fahren. Für die Daheimgebliebenen gibt es die Ferienspiele. Ein Interview zu deren Bedeutung und Entwicklung.

Der Duden bezeichnet die Ferienspiele als „Veranstaltungen während der Ferienzeit am Heimatort für die zu Hause gebliebenen Schulkinder“. Wir sprachen mit Daniel Klein von der Jugendförderung im Kreis Kassel über die heutige Bedeutung für die Jugend und die Entwicklung des Angebots.

Aus welchem Bedürfnis heraus haben sich die Ferienspiele entwickelt? 

Daniel Klein: Der Anspruch der Jugendarbeit bezüglich der Ferienspiele ist es, Kindern und Jugendlichen eine sinnvolle Beschäftigung anzubieten, in der die Kinder etwas für sich mitnehmen sollen. Man verbringt gemeinsam Zeit und das ist wiederum eine Alternative zum Familienprogramm, wenn die Eltern keine Zeit haben.

Sind die Ferienspiele also ein Ersatz für das Schulprogramm? 

Daniel Klein

Klein: Unser deutsches Schulsystem ist eher selektiv, gerade die Jugendlichen und Kinder, die aus den unteren sozialen Milieus kommen, haben es nicht leicht. Die Strukturen fördern da nicht unbedingt den Aufstieg oder den Erfolg. Da setzt die Jugendarbeit an, denn hier werden Gruppen erreicht, die im Schulsystem nicht aufgefangen werden können. Grundsätzlich spricht Jugendarbeit jeden an. Nur, dass die Jugendlichen aus den sozial schwächeren Milieus eher die Angebote der Jugendpflege annehmen.

Trifft das auch auf die Ferienspiele zu? 

Klein: Auch die Ferienspiele richten sich an jeden. Da gibt es jetzt keinen Schwerpunkt, dass man sagen würde, man spricht die sozial Schwächeren an, weil die sich keinen Urlaub leisten können. Es gibt durchaus auch Bevölkerungsgruppen, wo beide Eltern arbeiten gehen und nicht sechs Wochen Urlaub nehmen können, wenn ihre Kinder Sommerferien haben. Es gibt keinen Schwerpunkt beim Klientel.

Nehmen denn in der letzten Zeit auch viele Flüchtlingskinder das Angebot wahr?

Klein: Gerade an Orten mit Flüchtlingsunterkünften gibt es das Bemühen, Kinder und Jugendliche einzubinden. Bislang ist der Zuspruch überschaubar.

Es gibt ja verschiedene Angebote. Haben die sich denn in den letzten Jahrzehnten verändert? 

Klein: Oft wird das Programm ja von ehrenamtlichen Jugendlichen gestaltet, die auch mit digitalen Medien in Kontakt kommen. In den Grundzügen ist das Angebot aber gleich geblieben. Es geht darum, dass die Kinder miteinander spielen und sich kreativ betätigen können. Aber Basteln und Malen werden heute eben ergänzt durch Fotoworkshops mit digitaler Fotografie. Die Angebote werden schon angepasst. Aber genauso gibt es auch noch das Geländespiel und die Wasserschlacht. Da verändert sich vielleicht das Material, aber das Prinzip bleibt das gleiche.

Digitalfotografie und Natur erkunden - prallen da nicht verschiedene Welten aufeinander? 

Klein: Der Anspruch, in die Natur zu gehen, ist sicher wieder präsenter als noch vor zehn bis 15 Jahren, weil dem vielen Drinnen-Sein, dem Vorm-Smartphone- und PC-Hängen eine Alternative geboten wird.

Wie motiviert man die Kinder und Jugendlichen dafür, auch mal in den Wald zu gehen? 

Klein: Das kommt auf die Teamer an. Wenn sie mit Begeisterung an die Sache herangehen und das Ganze noch in eine tolle Story einbinden. Manchmal dauert es vielleicht eine halbe Stunde, bis die Kids sich darauf eingelassen haben. Vorher hieß es: „Was wollen wir denn im Wald, da gibt’s ja gar keinen Handyempfang“ und am Ende sind alle begeistert dabei.

Unterscheiden sich die Angebote der Kommunen? 

Klein: Das Konzept liegt immer bei den Hauptamtlichen, die die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen abschätzen. Die Ferienspiele der einzelnen Kommunen unterscheiden sich in erster Linie in der Organisation. In manchen Gemeinden werden die Kinder für 14 Tage am Stück angemeldet, in anderen Gemeinden, wie zum Beispiel in Lohfelden, kann man die Kinder auch tageweise anmelden.

Zur Person

Daniel Klein (33) ist seit Anfang des Jahres beim Jugendbildungswerk des Landkreises Kassel. Vorher hat er fast neun Jahre in der Jugendpflege der Stadt Hofgeismar gearbeitet, zuletzt drei Jahre als Leiter. Klein hat Lehramt für Haupt- und Realschule studiert und kam als Quereinsteiger in seinen jetzigen Beruf. Klein kommt aus Kassel und lebt in Grebenstein.

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