Funktion und Wirkung

Was Fahndungsplakate bewirken sollen - ein Interview

Nicht immer ist ein Phantombild verfügbar: Im Falle des verletzten Asylbewerbers sucht die Polizei nach Zeugen, die Angaben zu einem Mann mit Hund machen können. Repro: nh

Lohfelden/Kreis Kassel. Werden Zeugen gesucht, die Hinweise geben können, greift die Polizei manchmal auf Plakate zurück. Wir sprachen mit Polizeihauptkommissar Torsten Werner.

Auch im Falle des am Mittwoch vor einer Woche in Lohfelden schwer verletzt aufgefundenen Asylbewerbers setzen Polizeipräsidium Nordhessen und Staatsanwaltschaft Kassel jetzt auf ein Fahndungsplakat.

Sie suchen damit einen Spaziergänger mit Hund, der zur Tatzeit in Tatortnähe auf der Crumbacher Straße unterwegs gewesen sein soll. Wir sprachen mit Torsten Werner, Pressesprecher und Polizeihauptkommissar des Polizeipräsidiums Nordhessen über die Funktion und Wirkung eines Fahndungsplakats.

Herr Werner, was muss ein Fahndungsplakat beinhalten? 

Torsten Werner: Das Fahndungsplakat ist an keine Form gebunden. Es sollte aber selbstverständlich klar erkennbar sein, wer (Polizei) nach was (Personen und/oder Sachen) fahndet. Wenn eine Belohnung ausgelobt wurde, sollte diese auch zum Ausdruck kommen.

Hier sehen Sie das Plakat in voller GrößeIn welcher Stufe des Ermittlungsverfahrens wird ein Plakat eingesetzt? 

Werner: Erst, wenn die ersten Ermittlungen abgeschlossen sind und zu keinem Erfolg geführt haben. Es ist immer erst sinnvoll, zunächst Opfer und bekannte Zeugen zu befragen, bevor mit einem Plakat weitere Zeugen gesucht werden. Der Suche mit einem Täterfoto oder einer Phantomzeichnung geht ohnehin zunächst voraus, dass ohne eine Veröffentlichung das Ermittlungsziel nicht erreicht wird.

Kommt denn das analoge Plakat heute noch gegen die Verbreitung einer Fahndung beispielsweise über die sozialen Netzwerke an? 

Werner: Es ist ein Teil der Ermittlungen und sorgt regelmäßig für Hinweise aus der Bevölkerung. Neben elektronischen Fahndungen, die über soziale Netzwerke oder Online-Medien ausgestrahlt werden, sorgt auch das ausgehängte Plakat für Hinweise. Ein Plakat beispielsweise in einer Straßenbahn findet genauso Beachtung, wie über das Smartphone. Auch wenn der Empfängerkreis in der Regel deutlich kleiner ist.

Wie breit streuen Sie denn ein fertiges Fahndungsplakat? 

Werner: Wir veröffentlichen es in der Regel per OTS (Original Text Service, das sind Presseaussendungen im Originalwortlaut) mit einer Pressemeldung und grundsätzlich zeitgleich auf unserer Homepage www.polizei.hessen.de. Über die Medien gelangen sie dann in die elektronische Öffentlichkeit.

Wer ist an der Erstellung beteiligt? 

Werner: Die Ermittler arbeiten dabei eng mit dem Hauptsachgebiet Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zusammen. Geschulte Beamte der Web-Redaktion erstellen dann am Computer die Entwürfe, die anschließend in der hauseigenen Druckerei multipliziert werden.

Schließlich werden die Plakate von den Ermittlern selbst an vielversprechenden Örtlichkeiten angebracht. Sie bekommen in manchen Fällen aber auch Unterstützung von anderen Dienststellen oder öffentlichen Stellen. Auch die KVG ist der Polizei beim Aushang in öffentlichen Verkehrsmitteln bereits häufig behilflich gewesen.

Im Falle des verletzten Asylbewerbers in Lohfelden haben sie das Plakat in sechs Sprachen übersetzt. In welchen Fällen wird das gemacht? 

Werner: Immer dann, wenn die Polizei sich auch Hinweise von nicht Deutsch sprechenden Personen erhofft. Dabei wird dann berücksichtigt, welche Nationalitäten besonders in Frage kommen könnten.

Wer übersetzt in andere Sprachen? 

Werner: Die Übersetzung übernehmen ausgewählte Dolmetscher, mit denen wir auch bei Vernehmungen gute Erfahrungen gemacht haben.

Oft ist auch ein Foto der Person abgebildet, nach der gefahndet wird. Wer erstellt das Fahndungsfoto? 

Werner: Wir generieren Fahndungsfotos aus ganz unterschiedlichen Quellen. Das können Porträtaufnahmen aus dem privaten Fotoalbum, Fotos aus einem polizeilichen System oder eine Videoaufzeichnung aus einem Gewerbebetrieb sein. Entscheidend ist dabei, dass mögliche Bildrechte oder Persönlichkeitsrechte beachtet werden.

Wie wird abgewogen, wann es sinnvoll ist, ein Bild zu veröffentlichen? 

Werner: Die Veröffentlichung eines Fotos eines Tatverdächtigen steht unter Richtervorbehalt. Nur mit der Anordnung einer Öffentlichkeitsfahndung dürfen die Plakate dann in der Öffentlichkeit ausgehängt werden. Auch, wenn die darauf abgebildete Person vermummt ist oder nur von hinten zu sehen.

Zur Person

Polizeihauptkommissar Torsten Werner (44) arbeitet mit Unterbrechungen seit vier Jahren in der Pressestelle der Kasseler Polizei. 1988 begann er seine Ausbildung bei der Polizei in Kassel. Werner ist verheiratet und hat zwei Kinder. Mit seiner Familie lebt er im Landkreis Kassel.

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