Flüchtlingsdebatte in Lohfelden

Walter Lübcke im Interview: "Ich bleibe bei meiner Aussage"

Kassel/Lohfelden. "Wo die Wellen so hoch schlagen, geht die Chance auf gutes Zuhören als erste über Bord." Exklusiv hat sich jetzt Regierungspräsident Lübcke zu seinen umstrittenen Aussagen geäußert.

Über 800 Menschen hatten am Mittwoch die Bürgerversammlung in Lohfelden besucht. Die Erstaufnahme-Unterkunft des Landes Hessen im ehemaligen Hornbach-Gartenmarkt stand im Fokus. Nicht immer ging es sachlich zu. Regierungspräsident Lübcke wurde mehrfach durch Störrufe in seinem Vortrag unterbrochen. Sie schürten Ängste gegenüber Flüchtlingen. Als Reaktion äußerte Lübcke: "Wer diese Werte nicht vertritt, kann dieses Land jederzeit verlassen", sagte er.

Interview mit Regierungspräsident Walter Lübcke

Viele Menschen haben den Eindruck, Sie wollten ihnen in der Flüchtlingsdebatte den Mund verbieten. Sollen tatsächlich alle gehen, die mit „Wir schaffen das“ nicht einverstanden sind?

Walter Lübcke: Ich weiß nicht, wie dieser Eindruck entstanden ist, ich will niemandem den Mund verbieten. Jedenfalls: Wer an dem Abend im Bürgerhaus Lohfelden dabei war, konnte wahrnehmen, dass ich mich zu jeder Frage um ernsthafte Antworten bemüht habe. Es gab etwa zu gleichen Teilen Zustimmung und Ablehnung. Manchmal bin ich vielleicht nicht gehört worden, weil ich vielfach unterbrochen wurde und es laute Beschimpfungen gab. Ich habe mehrfach gesagt, wie wichtig es mir ist, die Ängste derjenigen kennen und verstehen zu lernen, die einer Flüchtlingsunterkunft in ihrer Stadt und Gemeinde skeptisch und ablehnend gegenüberstehen. Meine Aussage war an jene gerichtet, die durch Zwischenrufe ihre Verachtung unseres Staates artikuliert oder diesen Schmähungen applaudiert haben.

Wie ist es zu der Aussage gekommen? Anwesende sagen, Sie seien von Störern provoziert worden. 

Walter Lübcke: Unser Zusammenleben beruht auf christlichen Werten. Damit eng verbunden sind die Sorge, die Verantwortung und die Hilfe für Menschen in Not. An diese christlichen Kernbegriffe hatte ich erinnert, als ich immer wieder durch Zwischenrufe wie „Scheiß Staat!“ und durch hämische Bemerkungen unterbrochen wurde. Ich wollte diese Zwischenrufer darauf hinweisen, dass in diesem Land für jeden und für jede, die diese Werte und die Konsequenzen aus unseren Werten so sehr ablehnen und verachten, die Freiheit besteht, es zu verlassen; im Gegensatz zu solchen Ländern, aus denen Mensch nach Deutschland fliehen, weil sie diese Freiheit dort nicht haben.

Halten Sie an der Aussage fest? 

Walter Lübcke: Ich habe gerade ausführlich erklärt, wie diese Äußerung zustande kam. Und weil ich sie immer noch als eindeutig im Sinne der Vermittlung unserer Werte sehe und insofern als sie sich an diese Zwischenrufer richtete, bleibe ich auch dabei. Ich habe auch die aggressive Stimmung angedeutet, die mir zu diesem Zeitpunkt der Diskussion entgegenschlug. Wo die Wellen so hoch schlagen, geht die Chance auf gutes Zuhören als erste über Bord.

In zahlreichen Stellungnahmen, darunter auch im Internet auf HNA.de, fordern Bürgern Ihren Rücktritt als Regierungspräsident. Wie reagieren Sie darauf?

Walter Lübcke: Regierungspräsidenten können nicht zurücktreten, weil sie vom Ministerpräsidenten eingesetzt und abberufen oder entlassen werden.

Dieses Video eines Besuchers der Veranstaltung zeigt Lübckes Antwort auf eine provozierende Frage aus dem Publikum:

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Schlagworte zu diesem Artikel

moralapostelAntwort
(1)(0)

Bislang hatte ich den Tenor der debatte eher dahingehend verstanden, dass hier jede Menge Leute etwas zu verteilen hätten, nur einige meinen, sie wollten nicht teilen, weil sie es mit eigener Hände Arbeit verdient hätten!
Also bitte mal nicht verklären.
Hier geht es um Geiz und Egoismen und nicht um Nichtkönnen...

RobinPoohAntwort
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Na, dann versuchen Sie mal, wenigstens einen kennenzulernen.

kruijsAntwort
(1)(1)

... bei den Kommentatoren in der HNA. Da fehlt es aber an Aussagekraft.

Oder gehen wir jetzt zum RP und sagen: "Auf einem Artikel auf HNA online haben ein Großteil der anonymen Kommentatoren, die teilweise ihr Profil nur in dieser Diskussion verwendet haben, Kritik an Ihnen geübt. Auch wenn denen widersprochen wurde, fordern wir: Jetzt müssen Sie zurücktreten."

So stellen Sie sich das vor?

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