Christopher Vogel über Extremisten und ihre Strategien

Interview: Die rechte Kagida und ihre Tricks

Willkommenskultur statt Ressentiments: Schon bevor die ersten Flüchtlinge in Lohfelden ankamen, hatten Schüler Hunderte Betten ehrenamtlich im ehemaligen Hornbach-Gartenmarkt aufgebaut. Aktuell helfen täglich Dutzende hilfsbereite Bürger etwa bei der Essensausgabe und bei der Kinderbetreuung. Foto: Hedler

Lohfelden. Ein Informationsabend im Bürgerhaus Lohfelden zur Erstaufnahme-Unterkunft für Flüchtlinge im früheren Gartenmarkt Hornbach ist von rechtspopulistischen Kagida-Leuten gezielt torpediert worden.

Wie solche Störmanöver - die sich jederzeit wiederholen können - funktionieren, erklärt Christopher Vogel vom Mobilen Beratungsteam gegen Rassismus und Rechtsextremismus Hessen (MBT).

Herr Vogel, nicht viel, und der Info-Abend am 15. Oktober in Lohfelden mit Regierungspräsident Walter Lübcke als Referent wäre gekippt. Wie schafft das eine Handvoll Kagida-Leute? 

Christopher Vogel: Zunächst einmal: Kagida spielt politisch in Kassel und Umgebung überhaupt keine Rolle. Der harte Kern besteht aktuell aus etwa einem Dutzend Anhängern. So ist es gut möglich, dass für den Info-Abend in Lohfelden auch Gesinnungsgenossen von außerhalb mobilisiert wurden, um möglichst massiv auftreten zu können. Zumindest gab es zuvor im Internet einen Aufruf unter Kagida-Leuten, genau diesen Info-Abend zu besuchen.

Ist ihnen dieser massive Auftritt gelungen? 

Vogel: Fast. Einige hatten gleich in der ersten Reihe vor dem Rednerpult Platz genommen, um den Referenten Lübcke durch Zurufe zu stören. Der RP ist ja auch voll drauf angesprungen, als er den Störern - und die hat er gemeint - sagte, ihnen stünde ja frei, das Land zu verlassen.

Bei der Fragerunde danach standen wieder - nicht nur, aber oft - und dann auch die gleichen Kagida-Leute aus der ersten Reihe am Mikrofon. 

Vogel: Auch das gehört zur Strategie. So soll der Eindruck entstehen, dass deutlich mehr als nur eine Handvoll Bürger gegen die Erstaufnahme-Unterkunft in Lohfelden sind.

Aber es wurde doch auch tatsächlich applaudiert! 

Vogel: Die Kagida-Leute verstehen es genau, die Menschen da abzuholen, wo tatsächlich Unsicherheiten existieren. Nur sind diese Unsicherheiten zunächst einmal ganz normal und haben nichts mit einer rechten Gesinnung zu tun. Deshalb werden ja solche Bürgerversammlungen auch gemacht, um aufklären und diskutieren zu können.

Wenn dann nach meist schmissig vorgetragenen Bedenken gegen Flüchtlinge applaudiert wird, merken die Menschen oft nicht, dass sie möglicherweise Kagida-Leuten auf den Leim gehen.

Was kennzeichnet die Äußerungen von Kagida-Anhängern? 

Vogel: Der Ton ist meist laut und aggressiv. Sie wollen Beifall erheischen und versuchen, Autoritäten zu unterminieren - in diesem Fall den RP, der ja für die Einrichtung der Erstaufnahme-Einrichtung in Lohfelden verantwortlich ist. Ein wichtiges Merkmal ist auch: Es geht nicht ums Diskutieren, sondern um die Durchsetzung der eigenen Meinung. Und diese ist meist sehr eindimensional und besteht in aller Regel aus Falschaussagen, erfundenen Geschichten und künstlich forcierten Ressentiments gegen Flüchtlinge.

Was treibt die Kagida-Leute an? 

Vogel: Die Kagida sieht sich tatsächlich als Sprachrohr einer stummen Mehrheit. Sie träumt vom Volksaufstand, der nach ihrer Meinung unmittelbar bevorsteht. Sie behaupten: „Wir sind das Volk“, dabei sind sie es nicht. Sie fühlen sich ständig in die Enge getrieben und ihrer Meinungsfreiheit beraubt. Dabei sind sie mit ihren Meinungen laufend in den Medien.

Müssen solche Info-Abende gut vorbereitet werden? 

Vogel: Ja. Nur ein Referent wie in Lohfelden - das ist zu wenig. Ein fähiger Moderator, der negative Stimmungen auffangen kann, ist sehr wichtig. Ebenso sollten mehrere relevante lokale Akteure ans Mikrofon gehen und ebenso kurz wie klar Stellung beziehen. Somit kriegt die Mehrheit von Anfang an eine Stimme - und es wird klar: „Wir übernehmen hier Verantwortung für die Flüchtlinge“.

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