Orientierung an viktorianischer Mode: "De Schnidder" nähen ihre Outfits selbst

Steampunks im Kreis Kassel: Zeitreise ins 19. Jahrhundert

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Hingucker: Chantal Lutz (von links), Hanne Abel, Christina Hentrich und Daniel Lutz sind „De Schnidder“, eine Steampunk-Gruppe aus dem Kreis Kassel. Die Outfits sind größtenteils selbst genäht. 

Lohfelden/Vellmar. „Wow, ihr seht toll aus! Darf ich ein Foto machen?“ - sind Chantal und Daniel Lutz, Hanne Abel und Christina Hentrich gemeinsam unterwegs, hören sie die Frage oft.

Die vier sind Steampunks – und damit im Kreis Kassel (noch) eine Seltenheit. Die aufwendigen Kleider gestalten und nähen „De Schnidder“, wie sie sich nennen, selbst und versetzen sich damit zurück ins 19. Jahrhundert.

Auf Flohmärkten, Schrottplätzen, bei Ebay und in Baumärkten finden „De Schnidder“ alles, was sie für ihre besonderen Outfits brauchen. In wochenlanger Arbeit entstehen aus Stoffen dann neue Kleider, Röcke, Westen oder Hüte und aus ausrangierten Lampen und Dosen die passenden Accessoires. So machte Daniel Lutz beispielsweise aus alten Tomatenmarkdosen Goggles, wie es in der Szene heißt, also eine Art Schweißerbrille. „Ohd Kodühre uss Kassel“ nennen sie ihre Kreationen augenzwinkernd.

„Das ist meine Art, Kunst zu schaffen“, sagt die 34-jährige Hanne Abel, die aus Vellmar kommt und jetzt in Dinslaken lebt. Die Ästhetik der viktorianischen Zeit ist es, die sie besonders begeistert. Der Steampunk habe „eine romantisch verklärte Sicht auf diese Zeit“, sagt Daniel Lutz aus Lohfelden. Vielseitig und facettenreich sei Steampunk und „bietet viele Möglichkeiten, kreativ zu werden“. Mit seiner Frau Chantal sitzt der 37-Jährige nicht nur regelmäßig an der Nähmaschine, um neue Kleidung zu nähen, sondern es wird auch viel gebastelt mit Leder und Metall und mit so ziemlich allem, was im Haushalt ausrangiert wurde. „Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt“, sagt Chantal Lutz.

Gezeigt werden die Outfits bei zahlreichen Events, die es in ganz Deutschland gibt. „In den vergangenen drei Jahren ist es explodiert“, sagt Daniel Lutz. Im April 2013 haben sich „De Schnidder“ gegründet, seitdem werden es immer mehr Steampunk-Anhänger. Ob im Hessencourrier, in Museen oder in Cafés mit Gleichgesinnten – „De Schnidder“ sind bei vielen Gelegenheiten gemeinsam als romantische Technikfans unterwegs, manchmal aber auch orientalisch angehaucht. „Wir sehen uns als Kunst in der Kunst“, sagt Chantal Lutz und spielt damit auf die documenta-Stadt Kassel an.

Bis sie ausgehfertig sind, vergehen allerdings einige Stunden. „Wenn es schnell gehen muss, schaffe ich es in einer Stunde“, sagt Christina Hentrich. „Aber wenn die Haare noch aufwendig gemacht werden, kann es bis zu fünf Stunden dauern“, sagt die 34-Jährige, die jahrelang in Kassel lebte und jetzt nach Wolfenbüttel gezogen ist. „Wir haben so viele Ideen, aber keine Zeit, sie umzusetzen, obwohl wir Zeitreisende sind“, sagt Daniel Lutz und lacht. 

Mehr Infos gibt’s auf: www.facebook.com/DeSchnidder

Hintergrund

Vorbild für die Gruppe ist auch H. G. Wells

Die Ästhetik vergangener Zeiten gepaart mit moderner Technik: Das ist Steampunk. Zeitlich angesiedelt ist das Phänomen Steampunk im viktorianischen Zeitalter (19. Jahrhundert), oft wird auf Motive der Autoren Jules Verne und H. G. Wells zurückgegriffen, die die Zukunft der Technik aus ihrer Sicht heraus beschrieben.

Fantastische dampf- und zahnradgetriebene Geräte – wie selbst entwickelte Maschinen – werden von Steampunks mit aufwendigen Kleidern aus der Zeit Königin Viktorias kombiniert. Ob die Steampunk-Bewegung aus England oder den USA kommt, ist unklar. In Deutschland findet die Bewegung immer mehr Anhänger. 

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