Erfahrungsbericht von HNA-Redakteur Jens Nähler

GrimmSteig: So lief ich meine erste 111 Kilometer-Wanderung

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Die GrimmSteig-Tage. Wanderungen von 3 bis 111 Kilometer Länge. Jens Nähler, Ressortleiter Online, war zwei Tage am Laufen und berichtet von seinen Erfahrungen.

Ich bin erstmals dabei, die lange Distanz. Vor dem Start frage ich mich kurz, warum ich mir das antue. Hinterher weiß ich es.

Hinterher bedeutet am Ende 20 lange Stunden nach dem Start am Freitag, 15 Uhr.

Über 30 Grad Hitze waren vorhergesagt. Und Wärmegewitter. Genau damit geht es los. Im strömenden Regen werden die ersten anderthalb Stunden absolviert, bis sich endlich die Sonne blicken lässt. Die Klamotten trocknen auf der Haut, dafür wird es schwül und alles gleich wieder schweißnass. Egal: Nach 27 Kilometern ist Gelegenheit, die Montur zu wechseln. Erster Zwischenstopp Königsalm.

Basti Obergruber, Jens und Lars Nähler vor dem Start.

Ich bin unterwegs mit einem Freund und dem Zwillingsbruder. Wir essen Pasta, trinken ein alkoholfreies Bier – und verschwätzen uns mit den Eltern, die zum Anfeuern gekommen sind. Erst 34 Minuten nach den anderen Läufern gehen wir wieder auf die Strecke, etwas erholt von der schnell angegangenen Zubringer-Etappe zum GrimmSteig-Classic, dem Hauptlauf über 84 Kilometer, die uns noch bevorstehen.

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Während des Laufes berichtete Jens Nähler live von der Strecke

Der Freund steigt aus: Er hat bereits Blasen unter den Füßen. Ein Problem, mit dem sich viele herumschlagen: Nasse Socken und Sohlen, völlig durchnässtes Schuhwerk. Am Ende fühlt es sich auch für mich so an, als ob sich die Füße langsam in den Morast getränkten Schuhen auflösen. Viele Passagen der Nachtetappen sind ein einziger Kampf gegen das knöcheltiefe Versinken im Schlamm. Kräftezehrend.

Wir genießen die Stille im Wald. Die einsetzende Dämmerung, das Dunkel der Nacht. Die Strecke ist mit grünen Knix-Lichtern markiert, die wir so manches Mal fast mit Glühwürmchen verwechseln, die um uns herum in Hülle und Fülle umherschwirren. An einem Teich halten wir an und genießen eine Weile ein Froschkonzert, bevor wir uns aufmachen in Richtung des ersten Verpflegungspunktes.

Das Froschkonzert

Sag zum Abschied leise Servus: Lars und Jens Nähler nach 40 Kilometern.

Man kommt uns bereits mit einem Quad entgegen: die Feuerwehr hat sich Sorgen gemacht, wo wir bleiben. Denn wir sind die Letzten, mit einigem Abstand. Weil wir den Start verzögert haben. Und weil mein Bruder wegen einer Zerrung aussteigen muss und wir daher das Tempo etwas rausgenommen haben.

Für mich geht es weiter. Alleine durch die Nacht. Langsam ist es stockduster und ein Vorankommen ohne Stirnlampe unmöglich. Gespenstisch. Ich verlaufe mich. Und erinnere mich daran, mir die Tour als Offline-Karte – denn an Internet-Empfang ist nicht zu denken – auf das Handy geladen zu haben. Wieder back on track, zurück in der Spur, erreiche ich den zweiten Verpflegungspunkt. Horst Hoffmann nimmt mich beiseite. Er gehört zum Organisationsteam. 30 Minuten ist es etwa her, dass der vorletzte Teilnehmer diesen Ort passierte. Ich solle vorsichtig sein. Nicht überpacen, also nicht der verlorenen Zeit hinterherjagen und mich verausgaben. Die Strecke werde jetzt einfacher, viele Wanderwege statt Trampelpfade.

Vorbildlich: Die Feuerwehr Söhrewald war rund um die Uhr im Einsatz.

Ich fühle mich bei der Läuferehre gepackt: es muss doch möglich sein, wieder Anschluss zu gewinnen! Die nächsten Kilometer absolviere ich laufend, endlich. Eine willkommene Entlastung des müden Bewegungsapparats, der beim Wandern ganz anders beansprucht wird. Und es läuft. Nach einer Weile überhole ich den ersten Teilnehmer, kurz darauf den zweiten. Ich treffe Horst wieder, der mit der Feuerwehr an einem Zwischenstopp wartet und mich etwas ungläubig eintreffen sieht. Er hatte den nächsten Verpflegungspunkt bereits über mein verspätetes Eintreffen informiert. Zeit für ein Foto der engagierten Einsatzkräfte.

Offizielle Webseite

GrimmSteig-Tage 2016

Weiter geht’s. Es wird wieder hell. Oder auch nicht. Nebel lässt das Licht kaum durch. Ich überhole weitere Läufer und verlaufe mich von Zeit zu Zeit. Dabei ist die Strecke eigentlich toll bezeichnet. Aber ich werde müde und damit unaufmerksam. Träume mitunter vor mich hin und überlaufe einfach die Markierungen. Bis ich es merke, gehen viele Meter drauf und auf dem suchenden Rückweg fluche ich vor mich hin. Ein Tief.

Jens Nähler mit Barbara Seewald auf dem Hohen Meißner - dem höchsten Punkt der Tour.

Dann ist endlich der höchste Punkt der Strecke erreicht, die insgesamt 3000 Höhenmeter umfasst: der Hohe Meißner. Ich gehe den steilsten Teil des Weges mit Barbara, die ebenfalls den „langen Kanten“ absolviert: die 2XL-Wanderung. Sie ist den GrimmSteig bereits mehrfach gelaufen und kennt den Weg. Nicht nur das: Gerade bergauf ist erfahrene Gesellschaft ohnehin nicht weniger als Gold wert.

Bergab wird wieder gelaufen. Langsam. Ich merke meine Füße. Und nutze die Zeit schließlich für ein kurzes Live-Video auf Facebook (Video 1 & Video 2), um über den Verlauf des Laufes zu berichten. Anhalten, ein Foto machen und einen Beitrag tippen? Kommt nicht in Frage. Ich würde an Ort und Stelle stehen bleiben und nicht mehr weiterlaufen. Glaube ich.

Und auch wieder nicht: Es ist der Moment, an dem ich weiß, dass ich die Distanz bis zum Ende durchziehen werde. So weit gekommen gibt es keinen Rückzieher mehr. Egal, wie sehr die Füße schmerzen. Ich will keine Pause mehr machen, bleibe nicht lange an den Kontrollpunkten. Ich will weiter, vielleicht den ein oder anderen noch einsammeln auf dem Weg ins Ziel. Will von ganz hinten weit nach vorn kommen.

Märchenhafter Empfang im Ziel. 

Auch wenn die Tour kein Wettkampf ist: Dieses Denken hilft mir und motiviert mich. Ich überhole eine 2XL-Wanderin, die mir später sagt, ich hätte einen schönen Laufstil. Noch mehr Motivation. Freude: Das ganze Training ist nicht umsonst. Noch 2,5 Kilometer. Ein letzter Irrläufer, der mich gut acht Minuten kostet. Egal: Ankommen ist alles.

Das tue ich dann. Nach fast 20 Stunden. Mit Wanderern vor mir und Wanderern hinter mir. Jeder ein Gewinner – insbesondere bei diesen Wetterbedingungen.

Mein Bruder holt mich ab. Mit meinen Eltern. Wir lassen uns Zeit im Ziel auf der Königsalm. Dieses Mal haben wir sie. Es gibt viel zu erzählen.

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Über den Autor

Jens Nähler (43) ist Mitglied der Chefredaktion und Online-Ressortleiter der HNA. Erst mit 39 Jahren kam er über eine HNA-Redaktionsstaffel beim Kassel Marathon zum Laufen. Mittlerweile trainiert er für seine vierte Teilnahme auf die volle Distanz in Kassel und bereitet sich auf seinen ersten 100-Kilometer-Ultralauf im Oktober vor.

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