Mit einem Praktikum ans Ziel

Kasseler Unternehmen übernimmt Flüchtlinge

Haben das Praktikum erfolgreich absolviert: Ali Alazezy (von links), Amir Nima Erfani, Abdullah Seibak, Farax Anyaate und Mehrdad Pahlevan Zadeh sollen übernommen werden.

Niestetal/Kassel. Aly Alazezy hat gemeinsam mit vier Flüchtlingen ein Praktikum beim Kasseler Unternehmen Arvos absolviert. Er hat überzeugt und darf nun bleiben.

Um seine Heimat Syrien zu verlassen, legte Ali Alazezy sogar einen Teil der Strecke mit dem Schlauchboot zurück und setzte sein Leben aufs Spiel. Heute, fünf Monate nach seiner Flucht, steht er in einer Halle des Unternehmens Schmidtsche Schack (Arvos GmbH) - in Blaumann und Schutzbrille. Ein Neuanfang?

Der 23-Jährige gehört zu einer Gruppe von fünf Flüchtlingen, die gerade ein zwölfwöchiges Praktikum in dem Unternehmen abgeschlossen haben: Neben Ali Alazezy sind das Abdullah Seibak (33) aus Syrien, Mehrdad Pahlevan Zadeh (28) und Amir Nima Erfani (35) aus dem Iran sowie Farax Anyaate (20) aus Somalia. Bis auf einen leben alle in einer Gemeinschaftsunterkunft in Niestetal.

„Wir haben über 95 Prozent Exporte, unter anderem in die Länder, aus denen die Menschen fliehen“, sagt Karsten Stückrath, Geschäftsführer der Schmidtsche Schack. Auch dass der Mitarbeiterstamm international ist, habe zu der Entscheidung beigetragen, Flüchtlingen einen Praktikumsplatz anzubieten.

Karsten Stückrath

Von September 2015 bis Januar habe es gebraucht, bis es losgehen konnte. Der Integrationsmanager des Landkreises, Bijan Otmischi, suchte anhand eines Profils nach geeigneten Leuten in den Flüchtlingsunterkünften. Bei der Auswahl habe man berücksichtigt, dass die Option auf zukünftige Mitarbeit besteht, so Stückrath.

Als Einziger aus der Gruppe sprach Alazezy zu Beginn des Praktikums kein Wort Deutsch. Für die Verständigung innerhalb des Betriebs seien Sprachkenntnisse aber unabdingbar. Deshalb organisierte man kurzerhand einen Deutschkurs. An zwei Vormittagen kam dazu Stückraths Frau ins Haus, die Deutschlehrerin ist, und unterrichtete die Praktikanten. Innerhalb der Abteilungen stand jedem Praktikanten ein Mentor zur Seite.

Heute kann sich Alazezy gut verständigen. Dazu habe auch der Austausch mit den Mitarbeitern beigetragen, wie mit seinem Kollegen Steffen Sping, der sagt: „Wenn alle Flüchtlinge so wären wie er, wäre das toll.“ Alazezy sei lernwillig und es habe viel Spaß gemacht, mit ihm zu arbeiten. Die beiden haben sich in der Lagerhalle kennengelernt, in der das Material liegt, was in den Maschinen verbaut wird. Zuvor war Alazezy im Bereich Entwicklung, machte Zeichnungen und mechanische Berechnungen.

Dass Alazezy, wie auch der Rest der Gruppe, zwei Abteilungen kennenlernen durfte, machte die Verlängerung des Praktikums möglich. Anfangs habe man nicht abschätzen können, wie es läuft, erzählt Stückrath. Auch weil die Flüchtlinge mit unterschiedlichen Voraussetzungen kamen. So bewege sich die Schulerfahrung zwischen drei und zwölf Jahren - fast alle aber haben Vorkenntnisse im Bereich Maschinenbau.

Nach Ablauf des Praktikums sollen Ali Alazezy und seine vier Mitpraktikanten nun übernommen werden. Er und Erfani können direkt starten, Seibak Anfang Mai und Anyaate und Zadeh warten noch auf die Zulassung der Ausländerbehörde. Alle seien motiviert an die Sache herangegangen, sagt Stückrath - und das unter schwierigen Umständen. Nicht immer sei es einfach, nach einem Arbeitstag zur Ruhe zu kommen, berichtet Alazezy. In der Flüchtlingsunterkunft sei es sehr laut. Er würde sich wünschen, die Zeit nach Feierabend effektiver zum Deutschlernen nutzen zu können. Denn sein großes Ziel ist es, sein Maschinenbaustudium in Deutschland fortzusetzen.

Hintergrund

Seit April 2015 vermittelt der Sozialpädagoge Bijan Otmischi (46) zwischen Arbeitgebern im Kreis und Asylbewerbern. 65 Personen hat er in sogenannte Arbeitsgelegenheiten (AGHs) gebracht, sie arbeiten für 1,05 Euro/Stunde auf Bauhöfen oder in Gemeinschaftsunterkünften. 32 kamen in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, zwölf Flüchtlinge konnten eine Ausbildung beginnen. Aktuell befinden sich 15 Flüchtlinge zur Berufsorientierung im Praktikum. Langfristiges Ziel des Praktikums ist es, ein Beschäftigungsverhältnis zwischen Flüchtling und Arbeitgeber herzustellen, so Otmischi.

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