Erste Industriehalle als Flüchtlingsunterkunft: 168 unter einem Dach

Eine Halle wurde zur Flüchtlingsunterkunft: Für die neue Gemeinschaftsunterkunft in Niestetal-Sandershausen hat der Landkreis Kassel eine Industriehalle angemietet und innerhalb von drei Monaten mit Einzelräumen versehen. Fotos: Lischper

Niestetal. Am Mittwochabend wird die erste Industriehalle im Landkreis Kassel von Flüchtlingen bezogen. Der Landkreis Kassel hat die Halle dazu innerhalb von drei Monaten wohnlich gestaltet.

Der Boden wird geschrubbt, Stühle werden ausgepackt, Waschmaschinen angeschlossen und die letzten Kühlschränke werden von Schutzfolie befreit. „Hallen sind die vorletzte Variante, die wir in Erwägung ziehen“, erklärt Kreissprecher Harald Kühlborn. Ab Mittwoch sind sie Realität: Die erste Industriehalle im Landkreis Kassel wurde zur Flüchtlingsunterkunft umgestaltet. Etwa 100 Flüchtlinge sollen dort jetzt einziehen - Einzelreisende, Paare und Familien mit Kindern.

Sie kommen aus der Erstaufnahme-Einrichtung in Gießen und wurden dem Landkreis Kassel zugeteilt. Weil pro Woche etwa 100 neue Flüchtlinge in den Kreis kommen, muss die Verwaltung nun auf Hallen ausweichen. So, wie hier in der vormals vom Solartechnikhersteller SMA genutzten Halle in Niestetal-Sandershausen.

Was man zum Wohnen braucht: In den Parzellen stehen Stockbetten.

Seit Oktober 2015 waren externe Firmen damit beschäftigt, die 2250 Quadratmeter große Halle so umzubauen, dass darin insgesamt 168 Menschen leben können. In einem Gemeinschaftsbereich wurden drei neue Räume geschaffen - ein WC-Block, ein Dusch-Block und einer, in dem gekocht und gespült werden kann. Außerhalb der Räume stehen Kühlschränke mit abschließbaren Einzelfächern. Zusätzlich gibt es Räume für Waschmaschinen und Trockner. In der Mitte des Gemeinschaftsbereichs sind Bierzeltgarnituren und Stühle aufgestellt. „Davor ist Platz für Bewegung“, sagt Kühlborn.

An den vorderen Gemeinschaftsbereich gliedert sich der Ruheraum an. Die Fläche, die mit Industrielampen ausgeleuchtet ist und in die über hochgelegene Seitenfenster zusätzlich Tageslicht kommt, wurde aufgeteilt in Parzellen.

Immer vier Personen leben in einem Raum mit Stockbetten, der sich durch etwa zwei Meter hohe Wände ergibt und nach oben offen ist. Jeder hat seinen eigenen abschließbaren Schrank und eine Steckdose - „für die Handys“, merkt Vizelandrätin Susanne Selbert an. Beheizt wird die Halle über eine Luftheizung an der Decke.

Der Kühlschrank hat mehrere, abschließbare Fächer.

Erstmals werden hier über 100 Menschen unter einem Dach leben. Eine Situation, die besondere Wachsamkeit erfordert? Die Vizelandrätin ist zuversichtlich: „Wir haben keine Bedenken, dass alles klappt.“ Sie beruft sich bei dieser Einschätzung auf die Erfahrung mit anderen Gemeinschaftsunterkünften im Kreis.

Die Fachdienstleiterin Asyl des Landkreises, Nicole Spangenberg, merkt an: „Auch die Supermärkte in der Region sind informiert, dass sie demnächst etwa 100 zusätzliche Kunden haben.“ Neben den Betreuern soll ein Wachdienst für Ordnung sorgen.

In etwa zwei Wochen sollen dann weitere 68 Flüchtlinge in die Halle einziehen, „erst dann, wenn sich die ersten 100 akklimatisiert haben“, sagt Spangenberg.

Ablauf: Von der Erstaufnahme in die Halle

Von der Erstaufnahme-Einrichtung in Gießen werden die Flüchtlinge ins Kreishaus in Kassel gebracht. Dort werden sie begrüßt und erhalten Geld (Einzelreisender: 330 Euro). Dann geht es mit Bussen weiter nach Niestetal. Dort werden sie nach Familie und Geschlecht auf die Parzellen aufgeteilt. Streng nach Religion werde nicht getrennt, sagt Selbert. „Wir sind ein pluralistischer Staat, in dem es Religions- und Meinungsfreiheit gibt. Daran müssen sich die Menschen anpassen.“

Die Flüchtlinge bekommen eine Erstausstattung mit Küchenbedarf und Bettsachen und erfahren von den Betreuern (2 Betreuer à 50 Flüchtlinge) wichtige Informationen über die Region. In den folgenden Tagen melden sich die Flüchtlinge bei der Gemeinde an, müssen in der Regel noch einmal in die Erstaufnahme-Einrichtung in Gießen, um den Asylantrag zu stellen.

Ziel des Landkreises ist es, dass die Flüchtlinge hier etwa zwei bis maximal acht Wochen bleiben und dann in Privatunterkünfte ziehen. Nach einer Eingewöhnungszeit für die ersten 100 Menschen sollen in den nächsten Wochen weitere 68 hinzuziehen.

Hintergrund

Ende Dezember lebten 2326 Asylbewerber im Landkreis - aktuell kommen pro Woche rund 100 neue hinzu. Um alle unterzubringen, greift der Landkreis jetzt auch auf Gewerbeimmobilien zurück, die über Tageslicht verfügen und zum Umbau geeignet sind.

Pro Asylbewerber gibt das Land Hessen 865 Euro dazu. 175,60 Euro davon sind für Sanierung und Herrichtung von Unterkünften vorgesehen. Laut Kreissprecher Kühlborn liegt der Gesamtbedarf pro Person derzeit bei 897,65 Euro.

Der Umbau der Industriehalle in Niestetal hat etwa 200.000 Euro gekostet, die Ausstattung zusätzlich etwa 50.000 Euro.

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