Natur-Kleinod an der B7

Kalkberg bei Heiligenrode beherbergt viele seltene Tier- und Pflanzenarten

Der Kalkberg in Niestetal ist Refugium für viele seltene Tier- und Pflanzenarten. Hier zeigt Manfred Henkel vom Nabu Kaufungen-Lohfelden eine Mücken-Händelwurz, eine Orchidee, die auf Bestäubung durch Nachtfalter angewiesen ist. Fotos: Naumann

Niestetal / KAUFUNGEN. Kniehoch steht Manfred Henkel vom Nabu Kaufungen-Lohfelden im Gras. Eine Zauneidechse huscht unter einen Stein, ein kleiner blauer Schmetterling umflattert seine Schuhe.

Südhang, die Sonne kracht vom Himmel. Wie eine Steppe mutet der alte Steinbruch im Tal des Diebachs gleich westlich von Niederkaufungen an. Von der B  7, keine 600 Meter entfernt, ist hier nichts zu hören. Der Steinbruch ist komplett von einem grünen Gehölzgürtel dicht umschlossen.

„Das hier ist der wohl artenreichste Flecken Erde im östlichen Raum von Kassel“, sagt Henkel und meint damit den Kalkberg, 224 Meter hoch, der noch auf Niestetaler Grund liegt. Er lächelt. Er braucht nur in die Knie zu gehen, um den Beweis zu liefern.

Ziegen schützen Orchideen

Die Blüten der Bienenragwurz imitieren Fluginsekten.

„Hier eine Mücken-Händelwurz, und da eine Hummelragwurz“, sagt Henkel. Hinter den seltsam klingenden Namen verbergen sich unscheinbare, aber dennoch prächtig blühende Orchideen, die in Hessen nur noch an wenigen Stellen vorkommen – und deshalb streng geschützt sind. „Was wir hier haben, ist ein typischer Kalkmagerrasen“, erklärt Henkel. Er weiß, dass dieses Wort jedes Botanikerherz höherschlagen lässt. Denn kaum eine Pflanzengemeinschaft weist mehr Arten auf als ein Kalkmagerrasen. Allein zehn Orchideenarten kommen am Kalkberg vor.

Seit 40 Jahren beim Nabu

„Wir tun alles, um das hier zu erhalten“, sagt der 72-Jährige, der schon seit fast 40 Jahren beim Nabu aktiv ist. „Ohne regelmäßige Pflege würde der Bereich schnell verbuschen. Alle Pracht würde verloren gehen.“ Und so schicken er und seine Nabu-Mitstreiter einmal im Jahr eine Ziegenherde über den Rasen. „Die fressen alles runter, sogar den stacheligen Weißdorn und die Schlehen.“

Für den Herbst ist zusätzlich bereits eine größere Entbuschungs-Aktion genehmigt, um zwei des insgesamt sechs Hektar großen Areals frei zu halten.

Naturraum als Lehrstück

Das Gefleckte Knabenkraut ist ebenfalls eine Orchidee.

Die Arbeit lohnt sich – Hummelragwurz, Fliegenragwurz, das Gefleckte Knabenkraut und sogar das Ohnhorn haben hier ihr Vorkommen. Auch Golddistel, Klappertopf und Fransenenzian gedeihen. Neuntöter und Nachtigall brüten im dichten Unterholz.

Früher wurde hier Kalk abgebaut, danach lag das Gelände brach, die Natur holte sich ihren Teil zurück. 1999 übernahm der Nabu Kaufungen-Lohfelden die Pflege des Areals, mit großem Erfolg. „Solche Bereiche gibt es nur noch selten in unserer von Agrarwirtschaft überprägten Landschaft“, sagt Henkel. Dennoch hält er nichts davon, den Kalkberg von der Öffentlichkeit abzuschirmen. „Das Gelände gehört der Gemeinde Niestetal. Hier gibt es keinen Zaun“, sagt Henkel. „Die Leute sollen sich an den Besonderheiten erfreuen können“, meint der Naturschützer. Natürlich gebe es immer wieder welche, „die hier mit ihren Fahrrädern rumfahren, Feuer machen oder ihren Müll liegen lassen“, sagt Henkel. Aber er gibt die Hoffnung nicht auf. Solche Natur-Schätze sollen der Aufklärung dienen. „Denn nur wer weiß, um was es hier am Kalkberg geht, wird dieses Kleinod würdigen und auch bewahren können.“

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