Senior aus Niestetal möchte einmal Alphorn am Herkules spielen

Niestetal. Egon Heckeroth hat nach einem Schlaganfall im Seniorenheim in Heiligenrode die Liebe zum Alphorn entdeckt. Sein Wunsch: Einmal am Kasseler Herkules spielen.

Tief holt Egon Heckeroth Luft. Er presst die Lippen ans Mundstück und bläst aus Leibeskräften. Und dann ist er da, dieser Ton, dieser Klang, den Heckeroth so liebt - tief, vibrierend, laut, den ganzen Raum erfüllend.

Heckeroth spielt Alphorn, ein für unsere Gegend völlig untypisches Instrument. Es ist aus Holz, sperrig lang, genau 3,75 Meter, dabei jedoch ziemlich leicht - nur vier Kilo.

Heckeroths Alphorn passt kaum in sein Zimmer. Seit etwa drei Jahren lebt der 65-Jährige im Awo-Seniorenzentrum in Heiligenrode. Er ist leidenschaftlicher Musiker, beherrscht zehn Instrumente, von denen er aber nur noch die wenigsten spielen kann - vor acht Jahren hatte er einen Schlaganfall, seither ist nicht nur seine linke Hand gelähmt.

„Zum Glück geht es noch mit dem Alphorn“, sagt er. Es ist sein Instrument geworden - und eigentlich war es das schon immer.

Vor gut 15 Jahren war er mit seiner Familie in Berchtesgaden, im Schatten des Watzmann. Dort hörte er zum ersten Mal Alphörner. „Ich war sofort ergriffen“, erzählt er. „Dieser Klang hat etwas Überirdisches, Göttliches, Transzendentes - er stellt die Verbindung zu all dem her, was wir nicht verstehen“, sagt Heckerodt. „Ein Urklang eben.“

Sein Erlebnis wirkte nach - jahrelang. „Wie bei einem Infekt mit langer Inkubationszeit“, sagt Heckeroth. Er spielte seine Instrumente - Gitarre, Schlagzeug, Trompete, Akkordeon. Doch etwas fehlte. Das Alphorn. Dann endlich rief er bei Alois Biermaier an, einem Instrumentenbauer aus Bischofswiesen bei Berchtesgaden. „Bitte bau mir ein Alphorn“, sagte er. Und einige Wochen später war es da. Das war jetzt im Februar. Seither übt und übt er in seinem kleinen Zimmer. Noten braucht er keine, er hört eine Melodie und kann sie auswendig. Vormittags und nachmittags darf er spielen, seine Zimmernachbarn tolerieren es.

Neulich hatte er seinen ersten Auftritt - am 9. Juli beim Sommerfest seiner Einrichtung. Leute applaudierten, andere gingen einfach weiter. „Es ist immer so, einige mögen es, einige nicht“, sagt er.

Heckeroth hat schwer mit den Folgen seines Schlaganfalls zu kämpfen. Oft schütteln ihn schwere, schmerzhafte Krämpfe. „Lieber Gott, wie soll ich das nur ertragen“, schnauft er dann. Der Schlaganfall hat ihm viel genommen, seinen Job, seine Mobilität - und auch ein bisschen seiner Zuversicht. Was ihn rettet, ist die Musik. „Ich spiele mir alles von der Seele“, sagt er. Ohne sie liefe nichts mehr. Und so übt und übt er - manchmal lädt er Mitbewohner zum Probehören ein. „Derzeit übe ich eine besonders schöne Melodie“, sagt er. Sie sei schwer, technisch anspruchsvoll. „Für mich ist sie aber der Alphorn-Himmel“, sagt er. Und den möchte er gern noch anderen zeigen.

Wo? Heckeroth lächelt: „Am liebsten vom Herkules runter.“

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