Es gibt mindestens drei Verdachtspunkte

Spaziergänger fürchten sich vor Bomben östlich von Heiligenrode

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Genau an dieser Stelle rechts und links der Straße Am Möncheberg liegen die drei Verdachtspunkte für Blindgänger. Links im Hintergrund sind die Wohnhäuser Heiligenrodes zu sehen, rechts hinten schließt sich unmittelbar der Friedhof an. Foto: Naumann

Niestetal. Noch immer könnten gefährliche Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg im Boden bei Heiligenrode liegen.

Der Kampfmittelräumdienst des Regierungspräsidiums Darmstadt spricht von wenigstens drei Verdachtspunkten am östlichen Ortsrand von Heiligenrode. Sie waren im Zusammenhang mit der Sanierung der Kreisstraße 4 zwischen Ortsausgang Heiligenrode und dem Abzweig zur Kreisstraße 5 nach Niederkaufungen in den Blick geraten.

Nun fühlen sich Anwohner nicht mehr ganz so wohl in ihrer Haut, vor allem wenn sie für einen Spaziergang die Straße Am Möncheberg am Friedhof vorbei in Richtung der Felder gehen möchten. Denn genau dort, direkt unter und neben dem Wirtschaftsweg rund 100 Meter östlich des Friedhofs liegen die drei Verdachtspunkte. „Es gibt eine Luftaufnahme aus dem Jahr 1945, die deutlich die Spuren von Blindgängern in diesen Bereich zeigen“, sagt René Bennert vom Kampfmittelräumdienst.

Sondierung ist sehr teuer

René Bennert

Letztlich heiße das aber nichts: „Kann gut sein, dass hier schon einmal gegraben wurde“. Nicht alle Aufräumarbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg seien lückenlos dokumentiert worden. Im Umkehrschluss bedeute das aber auch, dass dort immer noch Blindgänger liegen können. „Und je nachdem, um was es sich für Bomben handelt – vor allem solche mit Langzeitzündern – kann dieses Erbe im Boden immer noch sehr gefährlich sein“, sagt Bennert. Spontane Detonationen gebe es immer wieder (siehe Kasten).

Dennoch: Die Gemeinde Kaufungen will östlich des Friedhofs vorerst keine Blindgänger-Sondierung vornehmen. Tatsächlich muss sie das auch nicht. Denn eine besondere Verordnung für die Räumung von Kampfmitteln gibt es nicht, sagt Bennert. Mit anderen Worten: Selbst wenn Verdachtspunkte vorliegen, gibt es keine Verpflichtung, dort nachzusehen.

„Erst wenn tatsächlich gebaut werden soll, muss zuvor eine Kampfmittelsondierung durch eine Spezialfirma erfolgen“, sagt Bennert. Das sehen die Baustellenverordnung sowie das Arbeitsschutzgesetz vor. Damit solle Schaden von Dritten (Bauarbeitern) abgewendet werden. „Erst wenn bei dieser Sondierung tatsächlich etwas gefunden wird, treten wir mit unserem Kampfmittelräumdienst auf den Plan“, sagt Bennert.

Doch vorerst ist damit nicht zu rechnen – zumindest nicht östlich von Heiligenrode. „Dort ist keine Bautätigkeit geplant, das Areal liegt im Außenbereich, einen Bebauungsplan gibt es nicht“, sagt Bauamtsleiter Peter Lieder. Daher werde die Gemeinde dort auch von einer Sondierung absehen. „Nicht, weil wir es nicht wollen, sondern weil Sondierungen einfach sehr teuer sind“, sagt Lieder. Allein die Untersuchung des neuen Hallenbadgeländes nahe der Autobahn A7 habe einen fünfstelligen Betrag verschlungen. „Wenn wir jeden bekannten Verdachtspunkt prüfen müssten, müssten wir den gesamten Kasseler Osten nach Blindgängern absuchen. Das aber kann niemand bezahlen.“ So werde immer nur da sondiert, wo akut eine Baustelle geplant sei.

Langzeitzünder eine große Gefahr

Vor allem Blindgänger mit sogenannten Langzeitzündern stellen eine erhebliche Gefahr dar. Selbst wenn die Bombe jahrzehntelang im Boden gelegen hat, kann der Zünder noch funktionieren und spontan eine Detonation auslösen. Im Gegensatz zu einem Aufschlagzünder, der die Bombe unmittelbar beim Auftreffen auf den Boden zur Explosion bringt, lösen Langzeitzünder erst nach zwei Stunden bis sechs Tagen die Explosion aus. Langzeitzünder sind am Heck der Bombe angebracht. Der Schlagbolzen wird durch eine oder mehrere Scheiben aus Zelluloid gehalten, über denen sich eine mit Aceton gefüllte Glasampulle befindet. Nach dem Abwurf treibt ein Windrad die Auslösespindel an und die Glasampulle wird zerstört. Das austretende Aceton löst die Zelluloidplättchen auf und abhängig von der Anzahl oder der Dicke der Scheiben wird nach einer gewissen Zeitverzögerung der Schlagbolzen ausgelöst. Bei Blindgängern kann dieser Plättchen-Mechanismus über viele Jahre verklemmt oder nur halb ausgelöst sein. Leichte Erdbewegungen können daher schon ausreichen, um den Zünder schlussendlich zu aktivieren. Auch spontane Zündungen sind möglich. Das hat es, laut Kampfmittelräumdienst, vor rund zehn Jahren in Kassel-Wilhelmshöhe unter einem Wohnhaus gegeben. Die Detonation hatte das Gebäude leicht angehoben, Risse in den Wänden waren entstanden, niemand kam aber zu Schaden. Später wurden Teile einer Zehn-Zentner-Bombe gefunden. Nach Angaben des Kampfmittelräumdienstes war die Bombe nicht vollständig, der Sprengstoff war bereits zu marode. „Wäre die Bombe ganz detoniert, wäre das ganze Haus weggeflogen.

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