Aber: Kein Datendiebstahl

Trojaner legt Gemeinde Niestetal lahm

Im Serverraum der Gemeinde: IT-Experte Marc Segner (links) und Bürgermeister Andreas Siebert. Unter Hochdruck wird jetzt am Aufbau eines separaten Netzwerks gearbeitet. Foto:  Renner

Niestetal. Seit Freitagmorgen geht in der Verwaltung der Gemeinde Niestetal fast nichts mehr. Ein Trojaner, also ein schädliches Computerprogramm, hat das Netzwerk lahmgelegt.

Die gute Nachricht: „Es gibt keine Datenverluste und keinen Datendiebstahl", sagt Bürgermeister Andreas Siebert (SPD).

Um 8.54 Uhr fiel Marc Segner auf, dass die Aktivität im Netzwerk der Gemeinde sehr hoch war. Der IT-Administrator der Gemeinde reagierte schnell, schon eine Minute später nahm er alle Computer vom Netz. Der Trojaner Teslacrypt 3.0 hatte das System angegriffen und in einer Minute rund 15 000 Dateien verschlüsselt. Sie alle sind jetzt im mp3-Format. Den sogenannten Schlüssel, um die Dateien wieder nutzbar zu machen, bekomme die Gemeinde nur gegen Zahlung, teilte kurz darauf eine aufploppende Meldung mit. „Das ist keine Kleinigkeit“, sagt Siebert. „Das ist wie ein Überfall.“

Erpressen lassen will sich die Gemeinde allerdings nicht. Siebert hat Strafanzeige erstattet, gezahlt wird nicht. Marc Segner und ein Kollege arbeiten derweil an einem separaten Netzwerk, das sie gemeinsam aufbauen wollen. Dort sollen hoffentlich bis zum Ende der Woche alle Rechner aus dem Rathaus angeschlossen worden sein. Bis dahin müssen aber rund 60 Rechner und zehn Server sorgfältig überprüft werden. Ist alles „sauber“, können sie an das neue Netzwerk angeschlossen werden, erklärt IT-Experte Segner.

Wie der Trojaner ins Netzwerk der Verwaltung gelangen konnte, ist noch nicht ganz klar. „Wahrscheinlich über eine schlichte Internetseite“, sagt Segner. Trotz mehrerer Firewalls habe der Trojaner seinen Weg in die Rechner der Gemeinde gefunden. „Wir sind immer auf dem neuesten Stand der Sicherheitstechnik und haben die neuesten Schutzmaßnahmen, mehr können wir nicht machen“, sagt Siebert.

Der Zugang zu anrüchigen Internetseiten sei sowieso nicht möglich. Weitere Einschränkungen seien für die Mitarbeiter nicht geplant. Schließlich gehöre die Recherche im Internet dazu, ohne das sei die Arbeit in einer Verwaltung nicht denkbar. „Wir können jetzt nicht einfach übergehen zur Schreibmaschine.“

Verloren gegangen sei nichts, sagt der Bürgermeister. Aber man könne derzeit nur sehr eingeschränkt arbeiten. E-Mails könnten weder empfangen noch versendet werden, Pässe und ähnliche Dokumente könnten nicht ausgestellt, Auskünfte nicht erteilt werden. „Vieles bleibt liegen.“ Dafür bittet Andreas Siebert die Bürger „um Verständnis und Geduld“.

Wie hoch der finanzielle Schaden sein wird, sei derzeit noch nicht absehbar. „Aber alles, was verseucht war, werden wir wegschmeißen und ersetzen“, betont Siebert. Nicht betroffen seien übrigens Bereiche wie die Wasserversorgung, die über ein eigenes Netzwerk läuft.

Kontakt: Die Verwaltung ist postalisch oder telefonisch zu erreichen unter 0561/ 5202-0. Mails kommen nicht an, landen aber, so Marc Segner, in einem Zwischenspeicher und können abgerufen werden, sobald alles wieder läuft.

Das sagt die Polizei

Der Locky-Trojaner - ebenfalls eine Erpresser-Software - ist auch in Nordhessen weit verbreitet. „Es gab bereits jede Menge Anzeigen, auch von Privatleuten“, sagt Polizeisprecher Matthias Mänz. Gezahlt habe, soweit die Polizei weiß, bislang niemand für die Freigabe von Dateien. Von öffentlichen Einrichtungen gab es bislang keine Anzeigen, Niestetal sei der erste Fall dieser Art in der Region. Die Chancen, die Hintermänner zu fassen, seien „sehr beschränkt“, da die Angriffe meist aus dem Ausland erfolgen. „Auf keinen Fall sollte man bezahlen“, sagt Mänz. Ratsam sei, regelmäßig Backups wichtiger Dateien zu machen.

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