Interview mit Städtische Werke-Sprecher Ingo Pijanka

Angebot von EAM und Städtische Werke: Ist der Öko-Strom tatsächlich öko?

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Öko-Strom aus Norwegen: Die Städtischen Werke Kassel und die EAM – beide sind Vertriebspartner – beziehen ihre elektrische Energie über den Zertifikate-Handel aus dem Solbergfoss-Kraftwerk am Glomma-See 40 Kilometer südöstlich von Oslo.

Kreis Kassel. Öko-Strom für Kommunen, Öko-Strom für Zehntausende Haushalte in Stadt und Landkreis. Damit werben die beiden großen Stromlieferanten der Region. Aber: Ist Öko-Strom tatsächlich öko?

Die Städtische Werke AG aus Kassel (SWK) sowie die EAM - werben regelmäßig damit, ihre Kunden zu 100 Prozent mit sauberer elektrischer Energie zu versorgen. Ein Großteil davon stammt aus Wasserkraft in Norwegen. Doch wie kann das funktionieren? Ein Gespräch mit Ingo Pijanka, Sprecher der Städtischen Werke.

Herr Pijanka, wie kommt der Öko-Strom aus Norwegen zu uns? 

Ingo Pijanka: Strom wird überall in Europa von diversen Kraftwerken produziert. Dazu zählen ebenso Solar-, Wasser- und Windkraftwerke für Öko-Strom wie auch Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke für konventionell erzeugten Strom. Sie alle speisen ihren Strom in ein einziges Netz ein. Dort vermischt er sich zu einem gigantischen Strom-See, aus dem sich dann die einzelnen Endabnehmer bedienen.

Wie kann bei solch einer Durchmischung sichergestellt sein, dass wirklich Öko-Strom aus der Steckdose kommt? 

Pijanka: 30 Prozent des gesamten Stroms im Strom-See kommen aus Öko-Quellen, der Rest stammt aus fossiler und konventioneller Erzeugung. Wenn die Städtischen Werke und die EAM - beide sind Vertriebspartner in der Region - Öko-Strom verkaufen, haben sie ihn zuvor auf dem internationalen Strommarkt gekauft - über sogenannte Herkunftsnachweise.

Wie funktioniert das System mit Herkunftsnachweisen? 

Pijanka: Der Herkunftsnachweis garantiert, dass ausschließlich Öko-Strom von einem bestimmten Produzenten erzeugt wurde. Die Werke und die EAM kaufen diesen zum Beispiel beim Sollbergfoss-Kraftwerk am Gomma-See in Norwegen. Die Strommenge, die dieses Kraftwerk in den Strom-See einspeist, ist natürlich begrenzt - wie auch die gesamte Öko-Strommenge im Strom-See. Je mehr Stromlieferanten diesen Strom haben wollen, um so teurer werden die Herkunftsnachweise - bis alle verkauft sind. Dann gibt es nur noch herkömmlich erzeugten Strom, den aber immer weniger Stromanbieter haben wollen, weil er wegen der ganzen Umweltbelastungen längst keine gute Werbung mehr ist.

Aber was ist, wenn es einmal nicht regnet, der Stausee leer bleibt? Oder bei Windkraft der Wind nicht weht, oder bei Fotovoltaik die Sonne nicht scheint? 

Pijanka: Es ist relativ unwahrscheinlich, dass all diese Umstände zusammenkommen. Im Winter ist es dunkler, dafür weht der Wind zuverlässiger. Im Sommer herrscht dagegen oft Windstille, aber es scheint die Sonne. Wasserkraft steht fast immer zu Verfügung und Biogas oder Biomasse speisen extrem beständig ins Netz. Zudem wird nicht im gesamten Stromnetz eine Windstille herrschen. Mittlerweile gibt es heute Systeme, die Wind- und Solareinspeisung so zuverlässig vorhersagen, dass diese beiden Erzeugungsarten sogar in die Grundlast einberechnet werden können. Entwickelt unter anderem vom Fraunhofer IWES-Institut hier aus Kassel. Und wenn es dann doch einmal zu dieser sehr unwahrscheinlichen Konstellation kommen sollte, wird eben Strom aus konventionellen Kraftwerken genutzt. Und bei den Städtischen Werken kommt der dann aus Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, die neben Strom auch Fernwärme produzieren. Sauberer geht nicht.

Aber dann ist der Strom ja doch nicht sauber! 

Pijanka: Praktisch nein, theoretisch ja. Tatsache ist, dass immer noch konventioneller Strom produziert werden muss, weil es noch nicht genug Öko-Strom-Erzeuger gibt. Richtig ist aber auch, dass wir tatsächlich zu 100 Prozent Öko-Strom verkaufen, weil wir zuvor für genau jene Strommenge über Herkunftsnachweise einkaufen, die wir dann im Jahresschnitt tatsächlich auch an die Kunden abgegeben. Denn eins ist ja klar: Ich kann an die Elektronen keine Schildchen dranmachen, auf denen sauber oder schmutzig steht. Entscheidend ist, dass mein Lieferant garantiert, die Menge Strom, die ich verbrauche, sauber zu erzeugen und in den Strom-See einzuspeisen. Wo er dann entnommen wird, ist egal. Es geht um die Garantie der sauberen Erzeugung.

Wie kann erreicht werden, dass überhaupt kein konventionell erzeugter Strom mehr in Anspruch genommen werden muss? 

Pijanka: Die Nachfrage regelt den Markt. Je mehr Öko-Strom verlangt wird, desto mehr werden sich die Stromproduzenten darauf einstellen. Auch die Städtischen Werke und die EAM investieren kräftig in erneuerbare Energien wie Wind- und Wasserkraft, in Biogas und Fotovoltaik. Ziel der Werke ist es, die über Herkunftsnachweise zugekaufte Strommenge bis 2020 auf 20 Prozent zu senken. Aktuell sind es noch 50 Prozent, die eingekauft werden müssen. Und natürlich ist es sinnvoll, selbst Strom für den Eigenbedarf zu erzeugen.

Zur Person

Ingo Pijanka (44) hat Politikwissenschaften studiert. Er ist seit 2005 bei der Kasseler Verkehrs- und Versorgungs GmbH (KVV) beschäftigt und seit Januar 2006 Pressesprecher. Pijanka ist verheiratet.

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