Neuer Vier-Stufen-Plan

Zehn-Minuten-Frist: Rettungsdienst ist nicht immer schnell genug

Kreis Kassel. Nicht gut bestellt ist es um die Hilfsfristen im Landkreis Kassel. Als Hilfsfrist wird jene Zeit definiert, die vom Eingang eines Notrufs in der Leitstelle bis zum Eintreffen geeigneter Hilfskräfte am Einsatzort maximal vergehen darf.

Laut Vorgabe müssen binnen zehn Minuten 90 Prozent aller Einsätze ihren Zielort erreicht haben, binnen 15 Minuten mindestens 95 Prozent aller Einsätze.

Die Realität sieht anders aus. Laut aktuellem Bereichsplan für den Rettungsdienst Kassel und dem Landkreis Kassel, wird die vorgegebene Zehn-Minuten-Hilfsfrist nur noch in 81,8 Prozent der Fälle erreicht - 8,2 Prozent der Fahren dauern also zu lange. Betroffen davon ist vor allem der Randbereich des Landkreises Kassel. „Diese Entwicklung ist noch nicht dramatisch“, sagt Kreissprecher Harald Kühlborn. Dennoch müsse auf sie reagiert werden. Mit Blick auf die 15-Minuten-Hilfsfrist werden hingegen in 95,5 Prozent aller Fälle die Einsatzorte rechtzeitig erreicht. „Hier ist also alles in Ordnung“, sagt Kühlborn.

Hauptgrund für das Hilfsfristdefizit im Zehn-Minuten-Bereich ist laut Bereichsplan ein bestehendes Missverhältnis zwischen einer deutlichen Zunahme von Einsätzen und der Anzahl neu angeschaffter Einsatzfahrzeuge in den letzten Jahren. Mit anderen Worten: Zwar wurden seit 2011 weitere Fahrzeuge beschafft, jedoch stieg die Anzahl der Einsätze zeitgleich derart an, dass der Fahrzeug-Zukauf diesen Einsatz-Zuwachs nicht ausgleichen konnte.

38 Prozent mehr Einsätze

Tatsächlich stieg die Zahl der Einsätze in den Jahren 2011 bis 2015 um insgesamt 38 Prozent an. Hinzu kommt ein Zuwachs bei den Ferntrasporten um etwa 30 Prozent. In absoluten Zahlen heißt das: Wurden 2011 in der Notfallversorgung 41 848 Einsätze gefahren, waren es 2015 schon 52 172. Auch mit Blick auf die Krankentransporte ergibt sich im gleichen Zeitraum ein Anstieg von 27 036 Fahrten auf 30 896 Fahrten. „Die dadurch hervorgerufenen Abwesenheitszeiten bei den Ferntransporten und der deutliche Anstieg der gefahrenen Notfalleinsätze und Krankentransporte sind ursächlich für das Absinken des Hilfsfristerreichungsgrades“, heißt es denn auch im aktuellen Bereichsplan. Dies mache eine Anpassung bereitstehender Fahrzeuge erforderlich.

Harald Kühlborn

Dem wird - beziehungsweise muss - nun die Stadt Kassel wie auch der Landkreis nachkommen. So wird bereits in der nächsten Kreistagssitzung am 30. Juni über ein Vier-Stufenplan bis zum Jahr 2018 zur Erfüllung der erforderlichen Hilfsfrist diskutiert.

„Konkret bedeutet das, dass es sowohl zu Verlängerungen der Schichtzeiten bestehender Fahrzeuge kommt (durch mehr Personal), als auch zur Indienststellung von zusätzlichen Rettungswagen, mit dem Ziel, die gesetzlich vorgeschriebene Hilfsfrist einzuhalten“, teilt Michael Schwab, stellvertretender Sprecher der Stadt Kassel mit.

So sieht der Vier-Stufen-Plan

Stufe 1 (ab 1. Oktober 2016) : Verbesserung der Fahrzeug-Auslastung durch Erhöhung der Fahrzeugstunden an bestehenden Rettungswachen um etwa 8700 Stunden.

Stufe 2 (ab 1. Februar 2017): Erhöhung der Fahrzeugstunden an bestehenden Rettungswachen um 28 000 Stunden, Aufstockung von fünf zusätzlichen Einsatzfahrzeugen, Einrichtung eines weiteren Notarzteinsatzsystems werktags auf der Feuer- und Rettungswache 1 der Feuerwehr Kassel.

Stufe 3 (ab 1. September 2017): Erhöhung der Fahrzeugstunden an bestehenden Rettungswachen um 12 700 Stunden. Darin inbegriffen sind die Umwandlung der Tagesdienst-Rettungswache Schauenburg-Hoof in eine 24-Stunden-Rettungswache und die Prüfung der Verlegung der Rettungswache Oberweser-Gieselwerder an einen geeigneteren Standort.

Stufe 4 (ab 1. Januar 2018): Einrichtung einer neuen Rettungswache mit zwei Fahrzeugen in der Gemeinde Calden. 

Bereichsplan hält den Rettungsdienst leistungsfähig

Der Rettungsdienstbereich Kassel umfasst das Gebiet von Stadt und Landkreis Kassel mit einer gemeinsamen Zentralen Leitstelle für den Brandschutz, den Rettungsdienst, den Katastrophenschutz und die allgemeine Hilfe. Damit der Rettungsdienst stets sicher seine Aufgaben erfüllen kann, sind seine Träger - die Stadt Kassel sowie der Landkreis Kassel - dazu verpflichtet einen Bereichsplan aufzustellen. Ein Bereichsplan dient der operativen Planung und Kontrolle von verschiedenen Funktionsbereichen des Rettungsdienstes - wie die notärztliche Versorgung, die Luftrettung, die Krankentransporte, die personelle Besetzung, die technische Ausstattung und noch vieles mehr. Auf diese Weise werden mögliche Defizite schnell erkenn- und abstellbar. Die Kreisverwaltung formuliert geeignete Maßnahmen, über die dann der Kreistag abstimmt - das nächste Mal am Donnerstag, 30. Juni, im Haus des Gastes in Naumburg (ab 10 Uhr). Der Bereichsplan für den Rettungsdienst muss alle fünf Jahre fortgeschrieben werden. 

Rubriklistenbild: © dpa

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