Vor einem halben Jahrhundert fuhr der letzte Zug

Wie die Söhrebahn vor 50 Jahren Passagiere in die Stadt brachte

Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass die letzten Passagiere mit der Söhrebahn vom Kasseler Stadtteil Bettenhausen über Lohfelden nach Söhrewald-Wellerode fuhren.

Der letzte Zug war an diesem Tag, dem 30. September 1966, festlich mit Blumen geschmückt. Um an die Bedeutung der Söhrebahn zu erinnern, haben Mitglieder des Geschichtskreis Söhrewald jetzt am früheren Bahnhof Wellerode – der Endstation der Söhrebahn – eine Erinnerungstafel installiert.

In rund 54 Jahren transportierte die Privatbahn rund 50 Millionen Fahrgäste. Der Kasseler Kreistag hatte sich für die Bahn stark gemacht. 1912 wurde die 10,5 Kilometer lange Strecke in Betrieb genommen. Die dafür notwendigen 450 000 Mark waren von den anliegenden Gemeinden sowie Einzelpersonen aufgebracht worden.

Neben Basaltsteinen, Splitt, Kohlen und Ziegelsteinen transportierte die Bahn auch Holz und landwirtschaftliche Produkte, beschreibt Gerhard Werner vom Geschichtskreis, für den Michael Bismarck die Geschichte der Söhrebahn in einem Buch aufgearbeitet hat. Im Personenverkehr nutzten insbesondere Arbeiter und Schüler die Söhrebahn, um ihren Arbeitsplatz oder eine höhere Schule in Kassel zu erreichen. Marktfrauen fuhren mit ihren beladenen Kiepen in die Stadt, um ihre Waren zu verkaufen und am Wochenende fuhren Ausflügler mit der Bahn in die Natur. Bis zu sieben Züge fuhren täglich mit 25 Kilometern pro Stunde auf der einspurigen Strecke hin und zurück. Passagiere konnten Abteile in der zweiten, dritten und vierten Klasse wählen.

Aus wirtschaftlichen Gründen wurde der Personenverkehr 1966 eingestellt. Als 1967 die Zeche Stellberg in der Söhre ihre Kohleförderung beendete, ging auch der Güterverkehr stark zurück. Zwei Jahre später wurde die Söhrebahn an die Deutsche Bahn (damals: Deutsche Bundesbahn), die auch die 50 Beschäftigten übernahm, verkauft. Die Deutsche Bahn nutzte die Anlagen der Söhrebahn in Bettenhausen noch bis in die 80er-Jahre hinein zum Güterverkehr.

Das Grundstück auf dem Kasseler Gebiet wurde an die Stadt verkauft, man baute die Schienen ab, hält die Trasse aber bis heute für eine neue Straßenbahnverbindung frei. Auch in Lohfelden und Wellerode wurden die Bahnanlagen demontiert und die Trasse in einen Rad- und Wanderweg umgewandelt. 

Die Bahnhöfe in Lohfelden-Ochshausen, Vollmarshausen, Wellerode Ort und Wellerode-Wald verloren ihre Funktion und die Bahnhofsgebäude wurden privatisiert. So wurde die Station Wellerode-Ort zur Grillhütte und Wellerode-Wald zum Dorfgemeinschaftshaus umgebaut. Laut Geschichtskreis endete mit dem Einstellen der Söhrebahn eine wichtige Epoche. Schließlich habe sie seit 1912 die südöstlich des Zentrums liegenden Ortschaften an die Stadt angebunden. 

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