Früherer Abhängiger spricht mit Schülern über Drogen

"Ich kannte nur noch Abhängige und Kriminelle“

Aus dem Leben: Michael Wenning leistet aus seinem Buch Drogenprävention an Schulen. Foto:  Brück

Vellmar. Seine Lebensgeschichte soll anderen helfen, nicht in den Drogensumpf abzurutschen: Hermann Wenning erzählt Schülern, wie er abhängig wurde - und der Sucht entkam.

Hermann Wenning sieht nicht aus, als ob er jahrelang drogensüchtig war. Der schlanke 52-Jährige spricht mit fester Stimme vor einer neunten Klasse an der Ahnatal-Schule in Vellmar über seine Erfahrungen mit der Sucht.

Das Hemd hat er in die Jeans gesteckt, an den Füßen trägt er abgetragene Sportschuhe. Über 2000 Kilometer weit ist er mit ihnen gelaufen. Ein Rennen weg von den Drogen, das bis heute kein Ende gefunden hat. „Sucht ist eine unheilbare Krankheit“, erklärt Wenning den Schülern. „Wer einmal süchtig ist, bleibt süchtig.“

Seit zwölf Jahren hat er im Wettlauf mit der Sucht aber die Nase vorne. So lange hat er keine Drogen mehr angefasst, auch keinen Alkohol und keine Zigaretten. Am Anfang sei dieser Verzicht sehr schwer auszuhalten gewesen, erläutert er den Schülern. „Stellt euch zum Vergleich vor, ihr müsstet von jetzt an für den Rest eures Lebens aufs Handy und das Internet verzichten.“

War es anfangs noch unruhig in der Aula, herrscht nun eine gespannte Stille. Die Schüler hören wie gebannt zu, als Wenning von seinem Weg in die Abhängigkeit erzählt. Der beginnt wie bei vielen mit Alkohol: Als 13-Jähriger habe er seinen ersten Vollrausch gehabt, mit 17 Jahren sei er alkoholabhängig gewesen. Erkannt habe er seine Sucht lange nicht. Der Absturz kam als er 31 Jahre alt war: „In einer Disko habe ich zum ersten Mal Ecstasy genommen und brauchte bald immer härtere Sachen.“

Über Amphetamine kam er zum Heroin. Um Geld für Drogen zu besorgen, beging er Diebstähle und Einbrüche. „Die Drogen kamen wie gerufen, da ich mich nie um mein Alkoholproblem gekümmert hatte und Probleme verdrängen wollte.“ Er verlor seinen Arbeitsplatz, wurde verhaftet und zur Bewährung verurteilt. Aus seiner Heimatstadt Legden im Münsterland zog es ihn nach Hamburg. Hier schlief er in Obdachlosenunterkünften und rutschte immer weiter ab. „Ich war so tief drin in der Szene, ich kannte nur noch Abhängige und Kriminelle.“

Ende 1999 wurde er zum letzten Mal verhaftet. Die zweijährige Haftstrafe wurde für ihn zum Wendepunkt: Ein Zeitungsartikel über einen Volkslauf in seiner Heimatstadt, an dem er vor seiner Sucht schon mal teilgenommen hatte, habe ihm den Willen gegeben, sich von den Drogen loszusagen. „Ich wollte wieder bei diesem Rennen starten.“ Im Gefängnishof begann er zu laufen. „Eine Runde war nur 160 Meter lang, da musste man ganz schön oft im Kreis rennen“, erinnert sich Wenning. Durch den Sport habe er den Ausstieg geschafft, der ihm so lange unmöglich erschienen sei. Ein Justizbeamter setzte sich dafür ein, dass er an einem offiziellen Rennen in der Nähe des Gefängnisses teilnehmen konnte. 

„Das war für mich das erste positive Erlebnis seit Jahren.“ Gleich nach seiner Entlassung machte er eine Therapie, trat beim Volkslauf an und kam als erster ins Ziel. Die Schüler fiebern mit, als er diesen Moment schildert und zeigen sich auch insgesamt von seinem Vortrag beeindruckt. „Ich weiß jetzt, dass man von Drogen lieber die Finger lassen sollte“, sagt der 15-jährige Tobias Wälde. Sein gleichaltriger Klassenkamerad Marian Mothes ergänzt: „Dass man so viel aus seinem Leben erfährt, zeigt welche Konsequenzen Drogen haben können.“

Schlagworte zu diesem Artikel

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren: Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.