Er will Solidarität mit dem Westen

Gregor Gysi über das frühere Grenzgebiet, die Gauck-Nachfolge und Opernkarten in der DDR

Erstmals Gast in Frommershausen: Gregor Gysi testet wenige Minuten vor seinem Auftritt den Korbsessel in der Mehrzweckhalle. Kurze Zeit später spricht er vor 650 Zuhörern mit Friedrich Schorlemmer über sein neues Buch. Foto: Schaffner

Vellmar. Gregor Gysi (Die Linke), langjähriger Oppositionsführer im Bundestag, hat am Mittwoch in der Mehrzweckhalle Frommershausen aus seinem und Friedrich Schorlemmers Buch „Was bleiben wird“ gelesen. Wir haben ihn vorab zum Interview getroffen.

Herr Gysi, Kassel lag stets im Schatten der innerdeutschen Grenze. Welchen Eindruck haben Sie heute von dem ehemaligen Zonenrandgebiet?

Gregor Gysi: Kassel ist eine spannende Stadt. Dass sie Zonenrandgebiet war, war für sie und die Menschen in mancher Hinsicht eine Belastung. In anderer Hinsicht haben sie dafür ja auch Geld bekommen. Ich habe Städte besucht, die in der Nähe der Grenze der DDR lagen und dann unter den finanziellen Verlusten gelitten haben. Kassel hat den Ausgleich gefunden. Jetzt ist es eine schöne Stadt. Es ist nur schwer hinzukommen, habe ich festgestellt. Wohin fliegt man, wenn man nach Kassel will?

Nach Calden.

Gysi: Calden?

Der Regionalflughafen in Calden.

Gysi: Dann müsste man eine Privatmaschine buchen und die ist ziemlich teuer. Das macht der Bundestag nicht. Deshalb bin ich auch mit dem Auto nach Vellmar gekommen.

Bleiben wir beim ehemaligen Grenzgebiet. Unternehmen im Osten werden gefördert, während Regionen wie der Werra-Meißner-Kreis sich oftmals vernachlässigt fühlen. Brauchen wir einen neuen Solidaritätsbegriff – auch im finanziellen Sinne?

Gysi: Ja. Ich meine, dass der Solidaritätszuschlag nicht auslaufen darf, sondern bestehen bleiben muss. Dann aber nicht nur für Ostdeutschland, sondern für alle strukturschwachen Regionen. Ich möchte, dass nach bestimmten Kriterien festgestellt wird, welche Region strukturschwach ist. Dort muss dann das Geld hinfließen.

Was wären das für Kriterien?

Gysi: Zum Beispiel die Zahl der Bevölkerung, die Höhe der Arbeitslosigkeit, der Stand des Wohnungsbaus, das kulturelle Angebot.

Kommen wir zu Ihrem Buch. Darin sprechen Sie von dem, was die ehemalige DDR geprägt hat und was bleiben wird. Was bleibt denn nun eigentlich?

Gysi: Es gab damals etwas, von dem wir heute in Deutschland meilenweit entfernt sind: einen chancengleichen Zugang zu Bildung. Natürlich gab es politische Ausgrenzungen, aber nie soziale. Und es gab einen chancengleichen Zugang zu Kunst und Kultur. Selbst die Mindestrentnerin konnte sich damals eine Karte für die Oper leisten. Das ist für mich das Wichtigste, was bleiben wird.

Geblieben ist es aber nicht.

Gysi: Zumindest als Erinnerung ist es geblieben. Und deshalb kämpfe ich für einen sozialen Zugang für alle. Eines ist aber auch klar: Eine höhere soziale Gerechtigkeit ersetzt niemals Freiheit und Demokratie.

Die Deutsche Einheit besteht nun seit 26 Jahren. Seitdem ist eine neue Generation herangewachsen. Können Sie die jungen Menschen, die die DDR nur aus dem Geschichtsunterricht kennen, überhaupt noch erreichen?

Gysi: Die Geschichte muss junge Leute doch reizen. Sie beschäftigen sich schließlich auch mit der Nazi-Diktatur, mit dem Mittelalter. Man muss doch wissen, wo man herkommt. Wer geschichtslos ist, hat auch kein Selbstwertgefühl.

Sie sind jetzt 68 Jahre alt. Wie lange wollen Sie noch aktiv bleiben?

Gysi: Ich habe mich entschieden, nicht mehr auf Liste zu kandidieren, sondern nur noch direkt in meinem Wahlkreis Treptow-Köpenick in Berlin. Zudem werde ich mich schwerwiegend mit Europa beschäftigen. Es gibt Menschen, die die EU von rechts, aber auch von links kaputt machen wollen. Ich bin dafür, die EU unbedingt zu retten.

Und privat?

Gysi: Ich muss mir meine Zeit besser einteilen. Bis Weihnachten habe ich genau an einem Abend frei. Aber Auftritte wie hier in der Mehrzweckhalle, die machen mir Spaß. Wenn ich ein Buch schreibe, dann will ich ja auch wissen, wie die Leser darauf reagieren.

Die Wahl des Bundespräsidenten steht bevor. Viele Kandidaten sind im Gespräch um die Nachfolge Joachim Gaucks. Wer ist Ihr Favorit?

Gysi: Den werde ich nicht verraten. Aber ich hoffe immer noch, dass es gelingt, zusammen mit SPD und Grünen einen gemeinsamen Kandidaten aufzustellen. Sobald ich aber den Namen meines Favoriten nenne, ist er kaputt.

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