Zwei Vellmarerinnen berichten vom Alltag mit ihren demenzkranken Ehemännern

Leben mit Demenz: „Habe meinen Partner verloren“

Intensive Betreuung nötig: Demenziell erkrankte Menschen brauchen viel Zuwendung. Das kostet Angehörige oftmals viel Kraft. Das Projekt Freiraum in Vellmar bietet Betroffenen und Angehörigen Unterstützung. Foto: dpa

Vellmar. Das Projekt Freiraum - Hilfe bei Demenz in Vellmar unterstützt Erkrankte und Angehörige gleichermaßen. Wir sprachen mit zwei Vellmarerinnen, die ihre demenzkranken Ehemänner pflegen, über ihren Alltag und die Arbeit der Initiative.

Marie-Luise Bittner-Lorenz ist eine zierliche Frau. Zehn Kilo habe sie in den vergangenen Monaten abgenommen, sagt die 68-Jährige aus Vellmar. Die Psychologin pflegt seit Jahren ihren demenzkranken Mann. Ihre Erschöpfung sieht man ihr an.

Früher sehr engagiert

Früher sei ihr Mann Hans-Günther Bittner beruflich, politisch und sozial sehr engagiert gewesen. Als Berufsschullehrer war er oft im Ausland tätig, unter anderem in Algerien, Kambodscha und Tunesien. „Als er dann in einem Vortrag eines der Länder vertauschte und sich in Konferenzen, die er geleitet hat, oft wiederholte, haben wir gemerkt, dass etwas nicht stimmt“, erinnert sich Bittner-Lorenz.

Aber sie habe zunächst gedacht, ihr Mann werde halt ein bisschen tüdelig. Doch nach der Pensionierung ihres Mannes wurden die Symptome stärker, dann die Diagnose: Demenz.

Pflegt ihren dementen Ehemann: Marie-Luise Bittner-Lorenz. Foto: Schippers

Heute kann Hans-Günther Bittner nicht mehr sprechen und nicht mehr gehen. „Er bekommt noch vieles mit, aber er kann nur noch nicken“, beschreibt seine Frau den Zustand des 72-Jährigen. Nur manchmal antworte er ihr morgens auf ihre Frage, wie es ihm gehe, mit „Es geht mir gut“. „Dann freue ich mich“, sagt die 68-Jährige. Die Betreuung und Pflege ihres Mannes kostet sie viel Kraft. Dennoch will sie ihn nicht in ein Heim geben. „Früher habe ich gedacht, wenn das und das eintritt, dann gebe ich ihn ins Heim.“ Das sei inzwischen anders. „Wir sind seit mehr als 40 Jahren verheiratet. Mein Mann ist ein Teil von mir. Ich brauche ihn auch und bekomme auch viel von ihm“, sagt sie. Die Pflege ihres Mannes sei jetzt eben ihre Aufgabe. Inzwischen geht ihr Mann von Montag bis Freitag in die Tagespflege. Zusätzlich wird Bittner-Lorenz zweimal zwei Stunden wöchentlich von einer freiwilligen Mitarbeiterin der Helferagentur in Vellmar unterstützt.

Nicht persönlich nehmen

Über seine Krankheit habe ihr Mann nie gesprochen, obwohl er sonst immer über alles gesprochen habe. „Ich glaube, seine größte Angst war, dass er nicht mehr ernst genommen wird.“ Besonders schwierig sei gewesen, dass Marie-Luise Bittner-Lorenz zunehmend die Verantwortung für beide übernehmen musste. „Du bestimmst über mich“, habe der Vorwurf ihres Mannes gelautet. Zunächst habe sie das geärgert. Aber dann habe sie gelernt, es nicht mehr persönlich zu nehmen. „Ist doch klar, dass ihn das stört. Ich nehme ihm ja auch alles ab.“

„Wir sind eben die Buh-Frauen“ sagt dazu Thea Chun. Die 74-Jährige, die in Vellmar lebt, pflegt ebenfalls ihren demenzkranken Mann, Volker Chun. „Aber für mich ist es auch schlimm, über ihn bestimmen zu müssen“, so die lebensfrohe Frau. Auch sie habe gelernt, nicht alles persönlich zu nehmen.

Die Krankheit habe ihnen ihren Partner genommen, sagen beide Frauen. „Ich werde stummer und stummer“, sagt Marie-Luise Bittner-Lorenz. Um das Schweigen zu brechen, rede sie manchmal mit Dingen, so Thea Chun. „Ich bin wahnsinnig erschöpft, mir tun die Hände und Arme weh. Seit fünf Jahren kann ich nicht mehr machen, was ich möchte“, sagt die pensionierte Lehrerin.

Früher habe sie beispielsweise jedes Jahr die Sommer-Uni in Berlin besucht. Das sei heute nicht mehr möglich. Drei Tage die Woche ist ihr Mann in der Tagespflege. Regelmäßig besucht der 83-Jährige die Betreuungsgruppe für Menschen mit Demenz in Vellmar. Die vergangenen Jahre haben bei Thea Chun Spuren hinterlassen. So lehnt sie auch ein Foto für diesen Artikel ab. „Ich bin einfach nicht mehr ich“, sagt sie.

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