Polizei war beim Abriss des Stalls der Zuckerburg in Vellmar im Einsatz

„Teils einsturzgefährdet“: Das Stallgebäude der sogenannten „Zuckerburg“ in Frommershausen wird derzeit abgerissen. Foto: Rogge-Richter

Vellmar. Seit über einer Woche läuft der Abriss. Jetzt mussten die Arbeiten auf Gelände der ehemaligen Diabetes-Klinik in Vellmar wegen Bauschutt auf der Straße unterbrochen werden.

Ein tonnenschwerer Abrissbagger rollt seit Anfang vergangener Woche über das Gelände der ehemaligen Diabetes-Klinik an der Frommershäuser Straße in Vellmar, im Volksmund auch „Zuckerburg“ genannt. Nachdem bei den Abrissarbeiten Bauschutt auf Fußweg und Fahrbahn gefallen war, mussten die Arbeiten zwischenzeitlich allerdings ruhen. Das teilte Polizeisprecher Torsten Werner auf HNA-Anfrage mit.

Neben Mitarbeitern des Ordnungsamtes der Stadt Vellmar begutachteten auch Beamte des Polizeireviers Nord die Gefahrensituation. Vor Ort war auch die Freiwillige Feuerwehr, die den bei den Abrissarbeiten entstehenden Schutt mit einem sogenannten Wassernebler besprühte, um die Staubbildung zu reduzieren, sagte Wolfhard Eidenmüller, Leiter des Ordnungsamtes Vellmar. Um Passanten und Autofahrer nicht durch den Bauschutt zu gefährden, sei zudem kurzzeitig die Vollsperrung der Kreisstraße angeordnet worden, die noch am Abend wieder aufgehoben worden sei, so Werner. Die Arbeiten konnten anschließend wieder aufgenommen werden.

Der ehemalige Stalltrakt, der früher zu dem landwirtschaftlichen Betrieb gehörte, der sich auf dem Areal der Diabetes-Klinik befand, wird derzeit von dem Baunataler Abbruchunternehmen Schnittger abgerissen. Immer wieder bleiben Passanten neugierig am Bauzaun stehen, hinter dem sich inzwischen hohe Schuttberge türmen. Steine und Balken stammen von dem einstigen Stallgebäude, das sich - von der Hauptstraße aus betrachtet - links neben dem Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert befindet, an dessen Tor das Firmenschild des Kasseler Unternehmens Vortex energy zu lesen ist. Dessen Geschäftsführer Dr. Till Jeske wollte sich auf Anfrage der HNA nicht zu seinen Plänen für das Gelände äußern.

Das Nebengebäude stand zunächst unter Denkmalschutz 

Das fast 50 Meter lange und knapp 14 Meter breite Stallgebäude der ehemaligen Diabetes-Klinik in Vellmar soll nach Angaben von Thomas Hoffmann, Bauleiter bei der Firma Schnittger, in den kommenden Wochen dem Erdboden gleichgemacht werden - nur der Sandsteinsockel soll bestehen bleiben.

Da die Gesamtanlage laut Harald Kühlborn, Sprecher des Landkreises Kassel, als repräsentatives Zeugnis historischer Bauten des 19. Jahrhunderts galt und unter Denkmalschutz stand, musste das Amt für Denkmalpflege zunächst dem Abriss der „teils einsturzgefährdeten“ Wirtschafts- und Nebengebäude zustimmen. Im vergangenen Juni sei schließlich die Abbrucherlaubnis für die beiden Stall- und Scheunengebäude erteilt worden. Deren Sanierung wäre aus Sicht der Experten wirtschaftlich nicht zumutbar gewesen. Das Haupthaus steht laut Kühlborn unter gesondertem Denkmalschutz.

Die Geschichte der Zuckerburg 

Das Gebäude-Ensemble an der Frommershäuser Straße 101 in Vellmar soll seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts als Rittergut Frommershausen bezeichnet worden sein. Den Grund der Namensgebung kennt auch Gerhart Blackert aus Frommershausen nicht, der heute direkt neben dem Gelände wohnt.

Der Rentner erinnert sich jedoch, dass das Areal, zu dem große Flächen Land gehört hätten, von der Hessischen Heimat Siedlungsgesellschaft (heute: Hessische Landesgesellschaft mbH) aufgekauft und an verschiedene landwirtschaftliche Betriebe weitergegeben worden sei.

Der damalige Landwirt Gerhart Blackert aus Kassel habe im Jahr 1958 unter anderem das Haupthaus und die beiden Nebengebäude übernommen. Während er das Stallgebäude auf der linken Seite bis etwa 1965 für die Haltung von Kühen und Schweinen genutzt habe, habe Blackert in der Scheune rechts seine Maschinen, Esel und Schafe untergebracht. Das Herrenhaus überließ Gerhart Blackert seinem Vater Dr. Theodor Blackert, der sich als Internist am Diakonissen-Krankenhaus in Kassel einen Traum erfüllt habe, indem er in Frommershausen eine eigene Diabetes-Klinik eröffnete, die bundesweite Bekanntheit erlangte.

Nach Angaben von Gerhart Blackert forderte das hessische Gesundheitsministerium in den 1970er-Jahren, den landwirtschaftlichen und den medizinischen Bereich noch stärker räumlich zu trennen, weshalb Blackert die Nutzung der beiden Nebengebäude aufgegeben habe.

Die Klinik sei später, einige Jahre nach dem Tod seines Vaters, geschlossen worden, so Blackert.

Von Sarah Rogge-Richter

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