Petition im Internet gestartet

Angst vor Abschiebung: Unterstützerkreis will albanischer Mutter aus Vellmar helfen

Von der Abschiebung bedroht: Die albanische Familie Tabaku aus Vellmar. Aus Sorge um ihre Kinder möchte Anila Tabaku kein Foto von sich zur Verfügung stellen. Die Zeichnung stammt aus der Feder von Frederike Suhr (Awo-Unterstützerkreis Rosengarten).

Vellmar. Anila Tabaku (31) ist Mutter zweier Kinder, sie absolviert eine Ausbildung und lebt in Vellmar. Klingt nach einem geregelten Leben - doch ihr droht die Abschiebung.

Anila stammt aus Albanien. Der Staat gilt as sicheres Herkunftsland, albanische Flüchtlinge gelten als nicht schutzbedürftig und können schnell abgeschoben werden. Doch Anila hat Angst. Albanien sei für ihre Kinder und sie nicht sicher, sagt sie. Auch die Mitglieder des Awo-Unterstützerkreises Rosengarten sind in Sorge um die 31-Jährige und ihre fünf- und elfjährigen Kinder.

Gründe für die Flucht

Der Leidensweg der Familie begann im September 2011. Anilas Mann kam damals bei einer Polizeiaktion in Albanien ums Leben. Außer ihm starb auch ein Polizist. Die genauen Umstände sind bis heute ungeklärt. Die albanischen Medien verbreiteten landesweit, Anilas Mann habe den Polizisten ermordet.

Seither galt die 31-Jährige in ihrer Heimat als Frau eines Kriminellen. Sie wurde nach eigenen Angaben ausgegrenzt, ihr und ihren Kindern wurde das Leben schwer gemacht. Behörden untersagten ihre Unterstützung. Die Familie blieb dennoch in ihrer Heimat, hielt jahrelang an ihrem Leben dort fest.

Doch eines Tages wurde Anilas Sohn auf offener Straße von Fremden nach seinem Vater gefragt. Die Mutter fürchtete nun um die Sicherheit ihrer Kinder. Sie hatte Angst vor Blutrache und ergriff im August 2014 die Flucht.

Petition eingereicht

Eine Rückkehr nach Albanien schließt sie bis heute aus. „Ich muss meine Kinder schützen. Wenn ich Deutschland verlassen muss, suche ich in einem anderen Land Schutz“, sagt die 31-Jährige. Um das zu verhindern, haben die Mitglieder des Unterstützerkreises Rosengarten nun eine Petition gegen die Abschiebung der albanischen Familie beim Petitionsausschuss des Hessischen Landtags eingereicht.

„Die Familie ist ein Musterbeispiel für gelungene Integration und für uns ein ganz besonderer Fall“, sagt Oliver Ulloth vom Unterstützerkreis. „Anila und ihre Kinder haben uns seit ihrer Ankunft in Deutschland so viel Fleiß und Willen gezeigt wie niemand zuvor.“

Anila, die zunächst in Calden untergebracht war, fuhr auf eigene Kosten regelmäßig nach Vellmar, um Deutschkurse zu belegen, so Ulloth. Heute, nur ein Jahr später, beherrscht sie die Sprache schon sehr gut. Auch um Arbeit habe sie sich bemüht. Im Oktober 2015 hat sie eine Ausbildungsstelle als Fachfrau für Systemgastronomie in Kassel angetreten. Ihr Sohn sei ein guter Schüler, ihre Tochter habe Freundschaften geschlossen, so Ulloth weiter. Die Familie lebt inzwischen in einer Privatwohnung in Vellmar.

Hoffnung für die Familie

Ulloth war selbst im Dezember bei der Anhörung in Gießen anwesend, bei der Anila begründen sollte, warum sie nicht zurück nach Albanien kann. Gleich zu Beginn des Gesprächs sei ihr gesagt worden, dass Anträge von Menschen vom Balkan unbegründet seien. Sie könne ihren Antrag auch zurückziehen.

„Das hat Anila, die ohnehin Schwierigkeiten hat, über das Erlebte zu sprechen, zusätzlich verunsichert“, glaubt Ulloth. Zudem sei bei dem Antrag nicht berücksichtigt worden, dass Albanien erst nach der Unterzeichnung von Anilas Ausbildungsvertrag als sicheres Herkunftsland eingestuft wurde.

„Wir wissen, dass wir nicht die ganze Welt retten können, aber das können wir so nicht hinnehmen“, sagt Ulloth. Er und seine Mitstreiter hoffen nun, mit der Petition zumindest zu erreichen, dass die Familie so lange bleiben kann, bis Anila ihre Ausbildung beendet hat. Anila selbst hat jeden Tag Angst vor der Abschiebung. „Aber die Petition gibt mir Mut und ein bisschen Hoffnung“, sagt sie.

Offene Petition im Internet

Der Awo-Unterstützerkreis Rosengarten hat zusätzlich zur Petition im Petitionsausschuss des Hessischen Landtags eine Petition im Internet gestartet. Dort kann jeder die Eingabe gegen die Abschiebung der Familie Tabaku unterschreiben. Hier geht es zur Petition.

Hintergrund: Flüchtlinge aus sicheren Herkunftsstaaten haben kein Anrecht auf Asyl

Als sichere Herkunftsstaaten gelten Länder, bei denen aufgrund der allgemeinen politischen Verhältnisse gewährleistet erscheint, dass es dort weder politische Verfolgung noch unmenschliche oder erniedrigende Bestrafung oder Behandlung gibt. Artikel 16 a des Grundgesetzes sieht vor, dass sie durch Gesetz bestimmt werden können. Wer aus einem sicheren Herkunftsstaat stammt, hat in der Regel kein Anrecht auf Asyl. Laut Paragraf 29 a Asylgesetz ist dann ein Antrag „als offensichtlich unbegründet abzulehnen“, es sei denn, der Asylbewerber kann anderes glaubhaft belegen. Grundsätzlich verkürzt die Regelung ein Verfahren, die Einzelfallprüfung bleibt aber möglich. In Deutschland gelten derzeit als sichere Herkunftsländer die EU-Mitgliedsstaaten sowie Ghana, Senegal, Albanien, Bosnien und Herzegowina, das Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien. Union und SPD wollen zudem Marokko, Algerien und Tunesien so einstufen. Wer aus einem sicheren Drittstaat einreist, kann sich nicht mehr auf das Grundrecht auf Asyl berufen (Paragraf 26 a Asylgesetz). Sichere Drittstaaten sind die EU-Mitgliedsländer sowie weitere europäische Staaten, in denen die Genfer Flüchtlingskonvention und die Menschenrechtskonvention eingehalten werden. Dies sind Norwegen und die Schweiz. Kommt ein Flüchtling aus einem sicheren Drittstaat, kann er sofort dorthin zurückgeschickt werden. (dpa)

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