Im Alltag soll sich kaum etwas ändern

VW in Baunatal als Teil eines neuen Unternehmens: Werk sieht darin eine Chance

VW Werk Kassel in Baunatal, Pascal Heldmann bei der Arbeit am Audi Getriebe DL 382, das in Zukunft auch für die Hybrid Technik verwendet werden soll, Dichtung für Mechatronik, fotokoch Foto:Koch

Wolfsburg/Baunatal. Das Volkswagenwerk Kassel in Baunatal sieht in den am Donnerstag vorgestellten Umwälzungen innerhalb des VW-Konzerns eine Chance.

Es böten sich viel mehr Möglichkeiten, Synergien zu nutzen, sagte der Sprecher des Werks Kassel, Heiko Hillwig. Für eine weitere Einschätzung sei es aber zu früh.

VW hatte bekanntgegeben, seine gut zwei Dutzend Komponentenwerke neu aufzustellen und die hausinternen Zulieferer in einem eigenständigen Unternehmen zu bündeln. Das Werk Kassel ist mit rund 17.000 Mitarbeitern das größte Teilewerk des Konzerns, unter anderem werden hier die VW-Elektromotoren und knapp vier Millionen Schalt- und Automatikgetriebe pro Jahr hergestellt.

VW-Chef Matthias Müller sagte: "Die Neuausrichtung der Komponente ist für unser Unternehmen ein großer Schritt." Die Arbeitnehmerseite betonte dazu, dass für die Kollegen alles beim Alten bleibe. Es gehe nur um eine Neuordnung im "Überbau", um besser zu steuern und zu planen.

Mit Milliardensummen für Elektroautos, neue Dienstleistungen und autonomes Fahren will sich Volkswagen aus der Abgas-Krise befreien. Europas größter Autobauer stellte am Donnerstag Details seiner Strategie bis zum Jahr 2025 vor. Die Nachricht: Volkswagen will sich grundlegend neu aufstellen - und dies gilt auch für seine 26 Komponentenwerke. Künftig sollen die hausinternen Teilehersteller in einem eigenständigen Unternehmen innerhalb des Konzerns gebündelt werden. Dazu gehört auch das VW-Werk Kassel in Baunatal mit seinen 17.000 Beschäftigten.

„Durch die Neuaufstellung des Komponentengeschäfts erwartet sich der Volkswagen-Konzern eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, eine Steigerung der Effizienz und maßgebliche Beiträge für Zukunftsthemen wie die Elektromobilitätsoffensive“, sagte Kassels Werkleiter Thorsten Jablonski. Kassel könne durch die Kompetenz „der Mannschaft dazu einen großen Beitrag leisten.“

Müller sorgt für Irritationen 

Der Geschäftsbereich Komponente hat 67.000 Mitarbeiter an 26 Standorten verschiedener Marken auf fünf Kontinenten. Mit dieser neuen Einheit wäre der hauseigene Zulieferer, der Motoren, Getriebe und Kunststoffteile produziert, bei einem externen Auftritt am Markt auf einen Schlag einer der größten Zulieferer in Europa.

Ein Großteil dieser Komponentenwerke fällt unter den VW-Haustarif - das gilt auch für die Standorte Kassel, Salzgitter und Braunschweig. Für Irritationen sorgte Vorstandschef Müller, weil er die Frage nach dem Bestand des VW-Haustarifvertrags bei einer Neuausrichtung unbeantwortet ließ und darauf verwies, dass die Details bis zum Herbst geklärt werden. Bislang stehe erst die Grundsatzentscheidung für eine Neuaufstellung der Komponente, sagte er. Die genaue Struktur wird in den kommenden Wochen Gestalt annehmen.

Osterloh: Virtuelle Struktur 

Deutlicher wurde Gesambetriebsrat Bernd Osterloh. Er stellte klar: „Wir sprechen derzeit über eine virtuelle Struktur. Ein Audi-Werk bleibt ein Audi-Werk. Und ein VW-Werk ein VW-Werk. Wir wollen aber eine gemeinsame Steuerung - unter Einbindung der Marken und der Betriebsräte, die unsere Komponentenwerke der Marken noch wettbewerbsfähiger macht.“ Und: „Die VW-Kollegen bleiben VW-Kollegen, so wie die Audi-Kollegen Audi-Kollegen bleiben. Das gilt dann auch für die jeweiligen Tarifverträge.“

Lesen Sie auch

VW-Werk Kassel wird Teil eines neuen Unternehmens - Betriebsrat: Tarifverträge bleiben

VW-Mitarbeiter sehen Plan kritisch

Die Ankündigung von VW-Vorstand Matthias Müller, die Komponentenwerke in ein eigenes Unternehmen auszugliedern, traf viele der 17.000 Mitarbeiter des VW-Werk Kassel in Baunatal am Donnerstag überraschend. Viele Beschäftigte, die am frühen Nachmittag zum Schichtwechsel aus dem Werkstor kamen, wussten noch gar nichts von dem Vorhaben des Vorstandes. Andere hatten gerade erst über die Medien von der geplanten Bündelung der Teile bauenden Werke in einer neuen Firma erfahren.

„Ich habe es gerade erst gelesen“, sagt ein VW-Mitarbeiter. „Ich bin nicht dafür.“ Der Mann sieht in diesem Schritt der Neuausrichtung eine Unsicherheit in den nächsten zwei, drei Jahren. „Ist man einmal ausgegliedert, heißt das: Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Dann drehte sich der Beschäftigte um – so wie viele Mitarbeiter am Donnerstag vor dem VW-Haupttor in Baunatal.

Ein Beschäftigter aus dem Original-Teile-Center (OTC) meinte: „Das heißt nichts Gutes für die kleinen Leute.“ Er befürchte, dass das OTC irgendwann auch noch als ein eigenes Unternehmen ausgegliedert werden könnte.

Dass die Komponentenwerke künftig völlig offen im Wettbewerb stehen, sieht ein Mitarbeiter als Möglichkeit des Managements beim Lohn zu sparen. „Das heißt also: Lohn drücken“, sagt er. „Dann werden die für die Komponente einen eigenen Tarifvertrag machen.“ (sok)

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren: Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.