Ohne Gehör am Arbeitsplatz

VW-Mitarbeiter Daniel Kinnback erhielt als erster Gehörloser den Meisterbrief

Gespräch zur Auftragssteuerung: Daniel Kinnback (rechts) tauscht sich mit seinem Kollegen Michael Müller im OTC 2 von VW aus. Seine Gesprächspartner müssen ihm zugewandt sein, damit er die Worte von den Lippen ablesen kann. Foto: Kühling

Baunatal. Wenn Daniel Kinnback mit seinen Kollegen spricht, dann muss er genau hinschauen. Denn: Der 33-Jährige Fritzlarer liest die Worte seiner Gesprächspartner von deren Lippen ab.

Seit der Geburt ist Daniel Kinnback nahezu ohne Gehör. Der Mitarbeiter im Original-Teile-Center (OTC) von VW in Baunatal wurde jetzt als erster Gehörloser im Bereich der Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg mit dem Meisterbrief ausgezeichnet.

Seine Arbeit mit den Autoteilen erledigt Kinnback weitgehend ohne Einschränkung. Im Umgang mit Maschinen und Gabelstaplern müsse er konzentriert bleiben, sagt der 33-Jährige allerdings. „Das ist Eigenverantwortung. Ich muss einfach mehr die Augen benutzen.“

Jörg Ebert

Besondere Vorkehrungen gebe es an dem Arbeitsplatz von Kinnback nicht, erläutert auch Jörg Ebert von der VW-Schwerbehinderten-Vertretung. Lediglich zu den Prüfungsvorbereitungen an der Meisterschule habe dieser einen Gebärdendolmetscher an der Seite gehabt. Bei Besprechungen mit seinem Team positioniert sich der Gehörlose einfach so, dass er allen seinen Mitarbeitern auf den Mund schauen kann. Immerhin hat sich der Gehörlose seit seinem Berufsstart im Jahr 2000 ständig weitergebildet. Inzwischen ist er als Monitorer für einen ganzen Bereich in der Auftragssteuerung zuständig.

In der Tat merkt der Gesprächspartner die Einschränkung des VW-Mitarbeiters kaum. Die Sprache ist manchmal leicht undeutlich. Über kleine Hörgeräte in den Ohren und eine sogenannte „Mikroportanlage“ bekommt Daniel Kinnback die Töne aus seinem Umfeld verstärkt. „Er hört die Stimmen wie durch Watte“, erläutert Jörg Ebert. Lediglich tiefe und hohe Töne könne der 33-Jährige wahrnehmen. „Zusammen mit dem, was er von den Lippen abliest, bastelt er sich die Sätze zusammen.“ Natürlich müsse man berücksichtigen, dass das an einem Arbeitstag auch ermüdend sein könne, gibt Ebert zu bedenken.

Grundsätzlich scheint Daniel Kinnback aber vor Energie nur so zu sprühen. Neben der Meisterschule baute der Fritzlarer immerhin noch ein Haus für sich und seine Verlobte. Und er engagierte sich für sein großes Hobby, den Handball-Sport. Daniel Kinnback wurde unter anderem dreimal Olympiasieger mit der Handball-Nationalmannschaft der Gehörlosen. Ganz regulär spielt er im Handball-Team für den TSV Ost-Mosheim in der Bezirksoberliga.

Neben so vielen Dingen bleibt Daniel Kinnback kaum Zeit für weitere Hobbys. In der Zukunft, so verrät er nach einigem Überlegen, wolle er mehr reisen. Ein genaues Ziel habe er noch nicht im Kopf. „Ich will einfach mal weg.“

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