Der Wolf und die Angst: Interview mit dem Psychologen Harald Euler

In freier Wildbahn kommt man ihnen selten so nahe: Zwei Wölfe im Tierpark Sababurg. Foto: nh

Kreis Kassel. Der Wolf hat ein Imageproblem. Taucht das Tier in Geschichten auf, dann oft als Bösewicht. Evolutionspsychologe Harald Euler erklärt, warum der Mensch so viel Angst vor dem Wolf hat.

Warum hat der Mensch so viel Angst vor dem Wolf?

Harald Euler: Die Angst vor Wölfen ist biologisch programmiert. So wie die Angst vor Spinnen und Schlangen. Und auch vor Hunden. Das heißt, diese Ängste erwerben wir leicht. Dazu ist nur nötig, dass wir sehen, wie jemand anderes sich ängstigt.

Aber wir begegnen in der Realität Wölfen ja eher selten und sehen eigentlich nie, wie jemand Angst vor denen hat.

Euler: Das müssen wir auch nicht. Es gibt Experimente, bei denen jungen Affen im Londoner Zoo Filme gezeigt wurden, in denen sich andere Affen vor Schlangen ängstigen. Danach hatten die Jungtiere auch Angst vor denen. Dann wurde der Film so geschnitten, dass es so aussah, als ob die Affen vor Blumen Angst hätten. In dem Fall haben die Jungtiere aber keine Ängste vor Blumen entwickelt.

Das heißt, dieser Mechanismus funktioniert nur bei vermeintlich gefährlichen Dingen?

Euler: Genau. Man muss nur sehen, wie jemand anderes sich ängstigt, bei den programmierten Ängsten reicht das. Viele der Menschen, die Phobien vor Spinnen und Schlangen haben, haben selbst keine negativen Erfahrungen gemacht. Andererseits rufen die tatsächlichen Gefahren der modernen Welt, auf die wir aber nicht evolutionär programmiert sind, wie zum Beispiel Auto fahren, kaum Phobien hervor.

Was passiert denn aber, wenn man diese persönlichen Erfahrungen tatsächlich sammelt?

Euler: Wir haben in Europa eine höhere Prävalenz von Schlangenphobien als in Ländern, wo Schlangen viel häufiger vorkommen. Das liegt daran, dass wir bei uns gar nicht mit Schlangen konfrontiert werden. Denn dadurch verliert man die Ängste. Ich war zum Beispiel vor zwei Jahren auf Feldforschung in Malawi und da gibt es viele Schlangen. Trotzdem laufen die Leute dort barfuß rum, schicken ihre Kinder ins Nachbardorf und machen sich deswegen wenig Sorgen. Die sind einfach dran gewöhnt, dass sie auch mal eine Schlange sehen, und haben keine solchen irrationalen Ängste. Wir haben einfach keine Möglichkeit zu erfahren, dass diese Raubtiere selten gefährlich sind.

Der Wolf ist ja noch immer sehr selten. Überschätzen wir die Gefahr und die Häufigkeit?

Euler: Wir neigen dazu, aufgrund der Massenmedien seltene Ereignisse zu überschätzen. Negative und positive. Wir überschätzen die Wahrscheinlichkeit, einen Sechser im Lotto zu ziehen, genauso wie die Wahrscheinlichkeit, bei einem Flug abzustürzen. Das liegt daran, dass früher Informationen über ein Ereignis nur aus unserem nahen Umfeld stammten. Damals kannte man auch nur 150 bis 250 Menschen. Wenn vor 5000 Jahren jemand gesagt hat, da ist ein Wolf im Wald, der meine Ziegen gefressen hat, dann taten die Leute tatsächlich gut daran, ihre Ziegen ins Haus zu nehmen. Denn das war ja direkt in der Nachbarschaft. Wenn jetzt die Leute in den Medien einen einzelnen Wolf gezeigt bekommen, den noch keiner gesehen hat, der vielleicht gar nicht mehr da ist, dann denken sie trotzdem, wenn ich jetzt durch den Habichtswald oder die Söhre laufe, treffe ich da den Wolf. Die Wahrscheinlichkeit, von einem Wolf bei der Pilzsuche angegriffen zu werden, ist aber unermesslich niedriger als die Gefahr, dass einem was passiert, wenn man mit dem Auto zum Wald fährt.

Wie kann ich mit dieser Angst umgehen?

Euler: Erst einmal ist Aufklärung ganz wichtig. Viele Leute wissen gar nicht, dass der Wolf eigentlich sehr scheu ist und man den zeitlebens gar nicht zu Gesicht bekommt außer vielleicht im Tierpark Sababurg. Wenn sich da wirklich eine irrationale Angst entwickelt, kann man das behandeln. Ich habe zum Beispiel auch schon Hundephobien behandelt, und die therapiert man in zehn bis 15 Sitzungen gut weg.

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