Eine Zeitzeugin berichtet

Im Krieg herabgestürzte Osannaglocke steht jetzt in der Martinskirche

+
Von den Bomben gezeichnet: So sah die Martinskirche nach den Zerstörungen im Oktober 1943 aus. Foto: 

Kassel. Am Ostersonntag findet nach der Sanierungspause wieder ein Gottesdienst in der Martinskirche statt. Hier hat die im Krieg beschädigte ehemalige Hauptglocke einen neuen Platz gefunden. Darüber haben wir mit einer Zeitzeugin gesprochen.

Es gibt nicht mehr viele Menschen, die die alte Osannaglocke der Martinskirche noch gehört haben. Die 91-jährige Gretel Germandi gehört zu diesen Zeitzeugen. Die Witwe des bekannten Kassel-Chronisten Hans Germandi hat aus ihrer Jugend noch die Stundenschläge im Ohr. Von morgens um vier Uhr bis abends um sieben Uhr schlug die Glocke den Kasselern die Stunde. Genau 100 Schläge pro Tag waren das.

Zeitzeugin: Die 91-jährige Gretel Germandi erlebte die Bombennacht vom 22. Oktober 1943. Damals stürzte die große Osannaglocke vom Südturm der Martinskirche. Sie hat einen Platz im frisch sanierten Kirchenschiff gefunden.

Ihren letzten Glockenschlag machte die Osanna am 22. Oktober 1943. In der verheerenden Bombennacht, in der 10.000 Menschen ums Leben kamen, ging das alte Kassel im Feuersturm unter. „Wir hatten Todesangst“, erinnert sich Gretel Germandi, die damals noch Kortals hieß. Sie wohnte mit ihren Eltern und der ein Jahr älteren Schwester Erika am Martinsplatz. Von der Oma bis zum Enkel trafen sich alle Bewohner des Hauses bei Fliegeralarm im Keller. Der Weg von der Küche dorthin war noch Routine, doch dann begann das Inferno. Das Haus stürzte zusammen, den verängstigten Menschen blieb nur noch die Flucht.

Flucht durch die Keller

Von Haus zu Haus und von Keller zu Keller schlugen sie sich durch. Durchbrüche unter den Häusern waren dafür angelegt worden. Ihr Ziel war die Bärenkammer, eine Brauerei, deren verzweigte Gewölbe zu einem großen und vermeintlich sicheren Luftschutzkeller ausgebaut worden waren.

Von allen Seiten kamen die Menschen, rund 100 kauerten sich dicht an dicht zusammen. Der Sauerstoff wurde immer knapper, rund 30 Menschen, darunter auch der Verlobte von Gretels Schwester Erika, schliefen ein. Sie sind nicht mehr aufgewacht. Immer wieder erzitterte damals der Boden, wenn Bomben in der Nähe einschlugen. Längst hatte auch die Martinskirche Feuer gefangen. Wann genau die Glocke vom Kirchturm stürzte, weiß Gretel Germandi nicht mehr. Aber an den dumpfen Glockenschlag beim Aufprall erinnert sie sich noch. Es war der letzte Ton, den die Glocke von sich gab. Viele Menschen haben ihn damals gehört.

Ein Mahnmal

Beim Aufprall auf die Erde ist die Glocke zwar beschädigt, aber nicht zerstört worden. Sie gilt als Mahnmal und erinnert bis heute an die Schrecken des Krieges. Bislang stand sie in einer Ecke im Foyer, jetzt hat sie einen Platz im frisch sanierten Kirchschiff gefunden. Sehr schön sei die Martinskirche geworden, sagt Gretel Germandi. Und für die alte Osanna haben man einen würdigen Platz gefunden.

Karfreitag und Bombennacht

Es sind ganz seltene Anlässe, an denen die neue Osannaglocke der Martinskirche zu hören ist. Der morgige Karfreitag gehört dazu. Zum Gottesdienst um zehn Uhr und um 15 Uhr zur Erinnerung an die Todesstunde Jesu Christi wird sie geläutet.

Der nächste Termin ist dann der Jahrestag der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 - da hat sie Hans Germandi über Jahrzehnte geläutet - sowie am 7. November, dem Jahrestag der Pogromnacht in Kassel 1938.

Wiederaufbau mit neuen Glocken

Die Osannaglocke ist benannt nach dem Jubel- oder auch Fleh-Ruf (Hosianna). „Hosianna“ sollen die Menschen Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem zugerufen haben.

Die heute in St. Martin ausgestellte, beschädigte Glocke war 1818 bei Henschel aus dem Material der mittelalterlichen Osannaglocke gegossen worden. Diese Glocke von 1441 war ursprünglich für die Altstädter Pfarrkirche gegossen worden. Die Osannaglocke von St. Martin, die als Aufschrift Verse von Schillers „Lied von der Glocke“ trägt, stürzte in der Bombennacht 1943 herunter. Mit dem Wiederaufbau bekam die Kirche 1961 sieben neu gegossene Glocken, darunter auch eine neue Osannaglocke. 

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren: Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.