2015 gab es zwölf Drogentote in der Region

Legale Drogen sind in der Region auf dem Vormarsch

Ihre Gefahr wird oft unterschätzt: Psychoaktiver Substanzen, so genannte Legal Highs, sind nicht durch das Betäubungsmittelgesetz verboten. Foto: dpa

Kassel. Die Zahl der Drogentoten ist wieder leicht gestiegen: In Nordhessen sind 2015 zwölf Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums gestorben, fünf davon in der Stadt Kassel.

Das sagt Polizeisprecher Matthias Mänz. 2014 waren es noch neun in der Region, darunter vier in Kassel. Im Landkreis Kassel hat es in beiden Jahren keine Drogentoten gegeben.

Hessenweit registrierte das Landeskriminalamt im vergangenen Jahr 86 Drogentote und damit 20 mehr als 2014. Häufigste Todesursache sei der Gebrauch von Heroin, fast immer gefolgt von Kokain. Dann folgten Amphetamine oder Crack. Das Gros der Toten, die unmittelbar an einer Drogenvergiftung gestorben sind, waren laut Landeskriminalamt langjährige Drogenkonsumenten.

Grundsätzlich ist die Droge Heroin deutlich rückläufig, sagt Angela Waldschmidt von der Drogenhilfe Nordhessen. Durch Substitutionstherapien hätten viele der älteren Konsumenten heute eine höhere Lebenserwartung. „Aufgrund jahrzehntelanger Abhängigkeit haben sie jedoch massive chronische Erkrankungen und sterben früher an diesen Folgeerkrankungen – nicht aber an einer Überdosis“, erläutert Waldschmidt.

„Alkohol ist die Droge Nummer 1.“

Problematisch sei die Statistik zur Zahl der Drogentoten deshalb, weil sie die Zahl derer ausblendet, die an den Folgen von Alkoholismus sterben, denn: „Alkohol ist die Droge Nummer 1“, bilanziert Waldschmidt. Das spiegele sich auch in den sogenannten Erstkontakten wider: „Unsere Beratung wird überwiegend wegen Alkoholmissbrauchs von Betroffenen und Angehörigen in Anspruch genommen“. Eine deutliche Zunahme verzeichne man bei den Jugendlichen: Schon 13- bis 14-Jährige beziehungsweise ihre Angehörigen suchten die Beratungsstellen der Drogenhilfe auf.

Auch Cannabis sei weiter ein Thema. Auf dem Vormarsch sind ferner so genannte „Legal Highs“ – Drogen, die als Kräutermischungen oder Lufterfrischer meist im Internet angeboten werden, sagt Waldschmidt.

Das bestätigt auch Barbara Beckmann, Leiterin der Jugend- und Suchtberatung der Drogenhilfe. Unter jungen Menschen seien zunehmend aufputschende, wachmachende Substanzen gefragt. Häufig handele es sich bei den Konsumenten um sozial integrierte, leistungsorientierte Jugendliche, die solche Feierdrogen nutzen, sagt Beckmann. Nur weil diese Drogen unter dem Begriff legal firmierten, seien sich nicht etwa unschädlich, warnt sie. Mitunter seien „Legal Highs“, aber auch Cannabis, Ecstasy und Speed gar der Einstieg zum Heroinkonsum, „um nach einem Partywochenende wieder frisch für die kommende Woche zu sein.“

Die Jugend- und Suchtberatung kontaktieren rund 1000 Betroffene, die eine Suchtdiagnose oder ein Risikopotenzial haben: „2015 hatten wir deutlich mehr Erstkontakte als noch im Jahr zuvor“, resümiert Beckmann. Die Zahl der Drogenabhängigen in der Region schätzt die Drogenhilfe auf 2000.

Stichwort: Legaler Rausch

Legal Highs („legaler Rausch“) werden meist als „Räuchermischungen“, „Badesalze“ oder „Reiniger“ angeboten. Der Begriff fasst neue psychoaktive Substanzen zusammen, die ähnlich wirken können wie etwa Kokain oder Marihuana, aber bislang nicht durch das Betäubungsmittelgesetz verboten sind. Wer diese Stoffe konsumiert, hofft auf eine aufputschende, beruhigende oder halluzinogene Wirkung. Verkauft werden sie in bunten Tüten über Online-Shops oder Headshops, wie es auch einen in Kassel gibt. 2014 sind nach Angaben des Bundeskriminalamtes 25 Menschen an Legal Highs gestorben, darunter ein 23-Jähriger aus Borken (Schwalm-Eder-Kreis). Auch für das Polizeipräsidium Nordhessen sind die psychokaktiven Substanzen ein Thema, sagt Sprecher Matthias Mänz, etwa im Straßenverkehr. Weil diese nicht unter des Betäubungsmittelgesetz fielen, könne man wenig unternehmen. Die Bundesregierung plant indes ein „Gesetz zur Bekämpfung der Verbreitung neuer psychoaktiver Stoffe“.

Hintergrund: Drogenhilfe Nordhessen

Die Drogenhilfe Nordhessen e.V. versteht sich als sozialer Dienstleister für Kinder und Jugendliche, Eltern und Familien, suchtgefährdete und suchtmittelabhängige Menschen. Gegründet wurde sie 1982. Mit 30 Einrichtungen an 20 Standorten in der Region bietet sie inzwischen ein differenziertes Netz an Hilfen. In Prävention, Beratung, Betreuung und Unterstützung, Therapie und Nachsorge sind rund 200 Mitarbeiter beschäftigt. Die Drogenhilfe Nordhessen ist Mitglied im Diakonischen Werk in Kurhessen-Waldeck. Finanziert wird ihre Arbeit mit öffentlichen Geldern, aus Mitteln der Sozialversicherung sowie durch Spenden.

Kontakt: Jugend- und Suchtberatung, Schillerstraße 2, Tel. 0561/10 36 41. Drogenberatung im Landkreis: Tel. 0 56 71/ 5 01 99; Weitere Informationen im Internet unter www.drogenhilfe.com

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